Lasst Sie arbeiten!“ titelte kürzlich die Süddeutsche Zeitung. In dem Artikel von Marc Beise wird deutlich: Wir müssen groß und neu denken, wenn es um die Integration von Flüchtlingen in die Arbeitswelt geht. Statt nur Probleme zu benennen, brauchen wir alle Kraft dafür Arbeit und Ausbildung für die „Newcomer“ zu organisieren. Wer sollte sich da in den Unternehmen angesprochen fühlen, wenn nicht HR? Um Thomas Eggert zu zitieren: „Personaler, jetzt habt ihr wirklich die Chance, Historisches zu tun!“ Manche fühlten sich von diesem Aufruf und seiner Blogparade #HR_for_Refugees angesprochen, an der ich mich hiermit auch beteilige. Aber auch unabhängig von dieser Aktion trudeln täglich neue Meldungen bei uns im Team ein, die sich dem Thema widmen. Verständlicherweise gibt es aktuell noch keinen Masterplan, wie wir diese schwierige Aufgabe lösen. Aber die vielen Ideen machen Mut. Wir haben sieben Felder ausgemacht, die #HR_for_Refugees voranbringen könnte:

1. Informieren und Stellung beziehen

Wer Flüchtlinge beschäftigen möchte, muss sich vorab über die rechtlichen Rahmenbedingungen informieren. Eine Broschüre der Bundesagentur für Arbeit schafft einen ersten Überblick über die Voraussetzungen. Das Problem: Nicht jeder Flüchtling oder Asylbewerber bekommt eine Arbeitserlaubnis. Leider sind hier noch immer enge Grenzen gesetzt bzw. es dauert zu lange, bis Sicherheit im Hinblick auf das Bleiberecht der einzelnen Flüchtlinge besteht – wie etwa die DGFP bemängelt.

Noch ist unklar, wie es beim Thema Mindestlohn weitergehen wird. Brauchen wir ihn für Flüchtlinge tatsächlich oder müsste nicht eher die möglichst schnelle und umfangreiche Integration in den Arbeitsmarkt vorgehen? Diesbezüglich gehen die Meinungen stark auseinander. Während die einen meinen, er sichere ein gewisses Existenzminimum, um sich tatsächlich in Deutschland zu integrieren, glauben andere, dass er Flüchtlingen den Weg in die Arbeitswelt verbaue. Was meinen die HR-Verbände dazu? Dieses Thema birgt noch viel Diskussionsstoff.

2. Kompetenzen erkennen und ausbauen

Deutschkenntnisse und eine gute Aus- und Weiterbildung sind das A und O für die Integration von Flüchtlingen. Über die zahlreichen Projekte, die es dazu gibt, hat zum Beispiel Simone Janson auf Berufebilder.de berichtet. Personaler bzw. Arbeitgeber stehen hier zugegebenermaßen noch etwas außen vor. Wie wäre es, wenn Unternehmen hier ihre Interessen vertreten, indem sie in gute Bildungsinitiativen investieren? Gerade im IT-Bereich gibt es sehr spannende Konzepte wie beispielsweise das Projekt Refugees on Rails, das Flüchtlinge dabei unterstützt, ihre Qualifikationen als Softwareentwickler auszubauen oder Berufserfahrung bei Start-ups und Tech-Unternehmen zu sammeln. CodeDoor ist ein weiteres Beispiel: ein Nonprofit-Start-up, das wie “Refugees on rails” Flüchtlinge zu Programmierern ausbildet.

Arbeitgeber können auch ihren Teil dazu beitragen, indem sie schon vorhandene Fähigkeiten (an)erkennen. Was sie dabei beachten müssen, hat Thomas Riemann in seinem Blog-Post zum Thema „Anerkennung von Berufen von Flüchtlingen und Migranten“ ausgeführt. Hierbei helfen auch Projekte wie der „Integration Point“ der Agentur für Arbeit in Düsseldorf, eine spezielle Anlaufstelle für Flüchtlinge, die praktische Kenntnisse von Flüchtlingen in Handwerksberufen prüft und mögliche berufliche Kompetenzen klärt.

3. Matching, Matching, Matching

Auch die Start-up-Szene schläft nicht. Zahlreiche Plattformen haben die Entrepreneure bereits ins Leben gerufen, um Arbeitgeber und Flüchtlinge zusammenzubringen. Die Online-Jobvermittlung Everjobs, die bislang vor allem in Afrika und Asien aktiv ist, hat eine eigene deutschsprachige Seite gelauncht. Unternehmen bieten dort Arbeits- und Praktikumsmöglichkeiten für Newcomer an. Spannend ist auch das Projekt „refugees can“ von campusanzeigen.net, das neben kostenfreien Stellenanzeigen für „refugee-friendly jobs“ auch über die jeweiligen Möglichkeiten und Rechte für Flüchtlinge informiert, um ein Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis bzw. eine Praktikantenstelle anzutreten.
Und mit Monster ist auch eine Branchengröße unter den Jobbörsen an dem Thema dran: Auf der Plattform sind Anzeigen für offene Stellen in der Flüchtlingshilfe etwa in kleinen Hilfsorganisationen, Kommunen oder Vereinen kostenfrei.

Damit Arbeitgeber und Flüchtlinge zusammenkommen, könnte vielleicht auch ein Revival der anonymen Bewerbung bevorstehen, wie Haufe online anregt.

4. Ran an den Speck: Modelle für die Praxis entwickeln

Wie wir die Integration von Flüchtlingen in die Arbeitswelt schaffen – das wissen wir noch nicht. Aber eines ist klar: Es wird nicht leicht, denn leider sind die Refugees nicht immer fit für den Arbeitsmarkt – weil sie traumatisiert sind, die deutsche Sprache nicht sprechen oder nicht die passende Qualifikation mitbringen. Hier setzt das Modellprojekt „Integration durch Arbeit“ der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, der Bundesagentur für Arbeit und des Bayerischen Arbeitsministeriums an: Es richtet sich an Asylbewerber und Flüchtlinge mit Aussicht auf ein Bleiberecht in Deutschland, die eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben. Bestandteile sind ein zweimonatiger Sprachkurs und die intensive Prüfung der Kompetenzen der Teilnehmer. Auch die Münchener Arbeitsagentur geht mit einem viermonatigen Programm namens „Fit in Arbeit“ ähnliche Wege. Laut FAZ beinhaltet das Programm einen Intensivsprachkurs, ein vierwöchiges Praktikum in einer Schreinerei oder einer Autowerkstatt, in einem Restaurant oder in einer Bäckerei.

Doch was ist mit Unternehmen, die nicht an derartigen Fördermaßnahmen teilnehmen können oder wollen? Hier ist Kreativität gefragt. Ein beeindruckendes Beispiel liefert Hogan Lovells International LLP. Partnerin Yvonne Draheim berichtet auf Xing, was sie bei der Einstellung eines Flüchtlings erlebte: Die Kanzlei hat eine sinnvolle Tätigkeit für einen syrischen Asylbewerber gefunden, trotz aller Hürden wie dem nervenaufreibenden Gang zu Ämtern sowie der Tatsache, dass er erst noch Deutsch lernen und keine Zulassung als Anwalt in Deutschland hat. Respekt!

5. Crowdworking: Digitale Integration möglich machen

Apropos Kreativität und neue Wege – da kommen wir zum nächsten Punkt: Crowdworking ist aktuell ein spannendes Trendthema in der Arbeitswelt, wie Dr. Michael Gebert, Vorstand und Gründungsmitglied des Deutschen Crowdsourcing Verbands, in einem Interview auf diesem Blog ausführt. Dabei bietet es laut dem Crowdworking-Vordenker auch Chancen für die Integration von Flüchtlingen. Viele Neuankömmlinge kommen aus hochentwickelten Gesellschaften und verfügen über eine sehr gute Ausbildung – vor allem in Sachen Digitalisierung. Smartphone, Tablet und Co. sind deshalb möglicherweise zentrale Enabler, um Flüchtlinge über Crowdworking zu beschäftigen. Das Thema steht allerdings noch am Anfang: Auch hier kommt man natürlich nicht um eine Arbeitserlaubnis herum – oder einen neuen Jobact, wie Gebert fordert.

6. Armut dort bekämpfen, wo sie entsteht

Hier auf diesem Blog haben wir einen Kooperationspartner der Messen PERSONAL und Zukunft Personal porträtiert: die Stiftung managerohnegrenzen. Sie setzt den Hebel bei den Ursachen von Flucht an, möchte diese aus dem Weg räumen und Menschen weltweit befähigen, erfolgreich zu wirtschaften. Die Organisation schickt deutsche Führungskräfte für vier bis zwölf Wochen ins Ausland, um den Betrieben vor Ort zu mehr Know-how und Rentabilität zu verhelfen. Dafür sucht die Stiftung erfahrene Manager und junge Nachwuchstalente, die ihr Wissen einbringen möchten. Wer hierzulande für Integration sorgen möchte, sollte auch die Situation in den Heimatländern der Flüchtlinge nicht vergessen. Vielleicht eine reizvolle Idee für Sie als Leser oder für die Gestaltung eines Sabbaticals bei Ihnen im Unternehmen?

7. Diskussion und Austausch suchen

Damit sich Arbeitgeber vertiefend über das Thema „Integration von Flüchtlingen“ informieren können, hat die Messe PERSONAL2016 Süd, die am 10. und 11. Mai 2016 in der Messe Stuttgart gastiert, die neue „Integration Area“ ins Leben gerufen: Diese Ausstellungsfläche bekommt ein eigenes kleines Diskussionsforum, in dem sich Unternehmen mit Verbänden und kompetenten Dienstleistern austauschen können. Wer sich noch am Programm beteiligen möchte, kann sich an Projektassistentin Vanessa Röhr wenden: v.roehr@messe.org

Haben Sie weitere Ideen und Anregungen? Dann freuen wir uns über Ihre Kommentare.

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