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Digitalisierung ist ein Versprechen für mehr Menschlichkeit – 7 Gründe, es einzulösen

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Was sind die „weichen Faktoren“ der Digitalisierung? Foto: pixabay.com

„In Panama ist alles ganz anders – und viel größer!“ heißt es in einem bekannten Kinderbuch, aus dem ich meiner Tochter gerne vorlese. Träumen von Panama ist aber nicht nur für Kinder eine schöne Sache, sondern offenbar für alle Menschen unabhängig von Alter und Bildung. Eines dieser Panamas, von dem gerade viele träumen, heißt Digitalisierung. Es glänzt und blitzt verheißungsvoll – und dort, wo es schon im Gange ist, scheint alles ganz anders und viel größer: Geschäftsmodelle und ganze Unternehmen werden revolutioniert, neue Märkte eröffnen sich und auch dem einzelnen Beschäftigten könnten sich neue, zusätzliche Möglichkeiten bieten. Doch worauf kommt es an, damit dies auch gelingt? In diesem Beitrag habe ich sieben Thesen zusammengefasst.

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Bleiben wir einen Augenblick bei der Panama-Traumland-Variante, denn träumen kann grundsätzlich nie schaden: Digitalisierung bedeutet, dass immer mehr Wirklichkeit in Daten verwandelt und vernetzt wird. Schreibblöcke werden durch Tablets und Smartphones ersetzt und keiner muss mehr im Lager anrufen, ob noch genügend Ware vorhanden ist, weil die Technik alles schon von selbst erledigt. Die Umfrage zur Mitarbeiterzufriedenheit wird obsolet, weil die Auswertung der Gesundheitsdaten der Belegschaft allein schon Bände spricht. Digitalisierung ist also, wenn alle jederzeit alles wissen und deshalb viel schneller, angemessener und effektiver handeln und reagieren – unabhängig von Zeit und Ort: auf dem Bootssteg ebenso wie auf der Kita-Feier, aus dem verlängerten Wochenende oder dem spontanen Kurzurlaub. Und das auch nur, falls sie (die Menschen) überhaupt noch handeln müssen, weil ja die maschinelle Intelligenz mitdenkt und immer mehr Arbeit abnimmt. Und wenn dieser Zustand erreicht ist, werden Unternehmen endlich auf der Höhe der Zeit sein und natürlich am Markt erfolgreich. Und vor allem werden sie glückliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben.

Dieses Traumbild muss nicht vollkommen falsch sein. Es ist aber fraglos ein wenig kitschig und vor allem eines: einfältig. Und das liegt daran, dass es hier auf eine ziemlich oberflächliche Weise um Technik geht, um Technik, die schon durch ihr bloßes Vorhandensein ihren Anwendern, den Menschen, Glück und Erfolg zu versprechen scheint. Genau genommen geht es also um die Vorstellung von einem Schlaraffenland, in dem wir alles erreichen, was erreichbar ist, weil die Technik einfach hervorragend programmiert, kalibriert und extrem breitbandig vernetzt ist. Und wir Menschen können dann angeln gehen…

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Wenn die Digitalisierung uns Arbeit abnimmt, könnten wir angeln gehen. Foto: pixabay.com

Digitalisierung ist nur der Anfang

…, wenn nicht doch eine dringende Mail dazwischenkommt. Aber nehmen wir einmal an, es käme keine – trotzdem verpassten wir dann womöglich unsere größte Chance: Unternehmen und unsere gesamte Gesellschaft grundlegend zu verändern!

Aus dem inspirierenden Buch „Blütenstaubwirtschaft – Wenn Dinge zu Daten werden“, das ich kürzlich für meinen Blog rezensiert habe, lässt sich einiges über die Digitalisierung lernen. Zum Beispiel, dass und vor allem warum Ideen um ein Vielfaches wichtiger werden als Dinge. Und dass Kreativität und Innovation in einer komplett digitalisierten Zukunft weitaus mehr Chancen bekommen könnten als unter heutigen Umständen. Und dass wir schließlich von einem Zeitalter, das sich auf die Vermehrung und Vermassung von Dingen spezialisiert hat, in eine neue Epoche eintreten könnten, die viel mehr auf menschliche Qualitäten setzt, Sie wissen schon: Soft Skills. Zumindest als Personaler oder Personalerin werden Sie sich da ein wenig auskennen. So gesehen könnte man auch sagen: Digitalisierung ist nur der Anfang. Aber wovon?

In sieben Thesen und sieben Chancen der Digitalisierung versuche ich einmal zusammenzufassen, was ich bis jetzt verstanden habe: 

1. Digitalisierung ist (auch) ein Versprechen.

Beim Lesen eines interessanten Artikels über Industrie 4.0 lernte ich kürzlich: Für manche ist die digitale Revolution eine Religion. Mit Religionen ist das bekanntlich so eine Sache. Der Philosoph Karl Jaspers hat einmal versucht, die großen Weltreligionen auf das Wesentliche zu reduzieren und die eigentliche Essenz zu erklären. Er kam zu dem Schluss: Jesus, Mohammed, Buddha und die mit ihnen zusammenhängenden Lehren sind eigentlich nur Chiffren, also codierte Nachrichten, die entschlüsselt werden wollen. Bei allem Hintergrundrauschen, das sie mit sich bringen, liegt ihnen eine einfache Botschaft zu Grunde. Mit der Digitalisierung ist das ganz ähnlich. Zieht man den Rummel um Industrie oder Arbeiten in der Version 4.0, das Getue um ein Internet der Dinge oder die turboeffiziente Durchleuchtung von Bewerbern und Arbeitnehmern einfach mal ab, bleibt vor allem ein zentrales Versprechen übrig: Durch Technik werden wir besser und erfolgreicher arbeiten und leben. Wenn das aber das Versprechen der Digitalisierung ist, sollten wir sie beim Wort nehmen!

Digitale Chance Nr. 1: Technik könnte zur grundsätzlichen Verbesserung unseres (Arbeits)lebens beitragen. Diese Chance sollten wir keinesfalls ungenutzt lassen!

2. Qualität schlägt Quantität.

Bei der Digitalisierung wird es am Ende weitaus mehr um Qualität gehen als um Quantität. Quantität ist natürlich nicht unwichtig: Eine gewisse Bandbreite bei der Datenübertragung, ausreichend Speicherkapazität und eine ordentliche Zahl mobiler Endgeräte werden vermutlich niemandem schaden. Manches davon ist sogar essenziell, um moderne Formen des Arbeitens zu ermöglichen. Nur: Wer sein Unternehmen vollpackt mit digitaler Technik, wird vielleicht nur einen glücklich machen: nämlich den Anbieter, der ihm seine IT-Lösungen erst schmackhaft gemacht und dann verkauft hat. Alle anderen quälen sich womöglich mit dürftiger Software und lästigen Dokumentationspflichten durch den Arbeitsalltag. Man denke zurück an die 1990er und frühen 2000er Jahre, als die omnipräsenten Datenbanksysteme, damals noch teuer und unausgereift, vielerorts mehr Schaden anrichteten als sie Nutzen stiften konnten.

Digitale Chance Nr. 2: Setzt man Technik sparsam und gezielt dort ein, wo sie Arbeitsabläufe und damit Menschen das Leben deutlich erleichtert, kann sie ein Segen sein.

3. Technik macht nicht dumm, aber auch nicht klug.

Die zunehmende Verfügbarkeit von Wissen, das damit verbundene Versprechen von Transparenz, die dramatisch wachsenden Möglichkeiten, sich selbst zu Themen, für die man bisher keine Expertise besitzt, einen fundierten Standpunkt zu bilden – das alles führt nicht automatisch dazu, dass Menschen selbstständig denken und gut informiert handeln. Diese Entwicklungen können einem Unternehmen mitdenkende und unabhängig handelnde Mitarbeiter und einem Staat aktive und engagierte Bürger bescheren. Aber sie tun das nur, wenn neben der technischen Verfügbarkeit von Information auch die Kompetenzen zu deren Auswertung und Verknüpfung vorhanden sind – und natürlich auch das Vertrauen in den verantwortungsvollen Umgang mit den Informationen zu dieser Datennutzung.

Digitale Chance Nr. 3: Menschen bilden sich auf der Grundlage umfassender Informationen eine fundierte Meinung und handeln selbstständig, wenn sie denn die Kompetenzen dazu erworben haben und sie den Systemen vertrauen können!

4. Digitalisierung bedeutet eine (R)evolution der Elektronenhirne. Sie kann aber auch zum Ursprung einer geistigen Revolution werden.

Wenn Computer immer schneller denken, kann es nicht darum gehen, mit ihnen zu wetteifern. Der Sieger steht schon vorher fest. Wenn allerdings immer weniger von der alltäglichen Mühsal von Menschen erledigt werden muss, kann „mensch“ den Geist schweifen lassen. Je weniger er dabei behindert wird, desto eher kann durch die wachsende Zahl von „Kreativen“ ein Zeitalter der Kreativität entstehen. Unglaublich, was uns da alles einfallen könnte! Wer oder was hindert uns eigentlich daran, jetzt mit der Plackerei aufzuhören und mit der richtig spannenden Arbeit zu beginnen?

Digitale Chance Nr. 4: Die technische könnte eine geistige Revolution ermöglichen.

5. Wer vordenken soll, muss auch mitdenken dürfen.

Der Zugang zu umfassenden Informationen und der Zuwachs von Bildung und fundiertem Expertenwissen sowie ein allgemein wachsender geistiger Freiraum, der zur Bewältigung kreativer und innovativer Aufgaben unerlässlich ist (siehe These 4), bewirkt auch ein wachsendes Selbstvertrauen der Arbeitnehmer sowie eine gefühlt UND faktisch wachsende Urteilskompetenz – nicht nur in fachlichen, sondern auch in unternehmens- bzw. organisationsweiten Fragen. Wer hier weghört oder die Umsetzung von Verbesserungs- und Lösungsvorschlägen sogar bewusst blockiert, darf auf echtes Engagement der Mitarbeiter nicht hoffen. Vor allem aber werden die kreativen Geistesblitze rar bleiben. Denn wer weiterhin nur Handlanger und niemals Querkopf sein darf, wird sich mit guten Ideen zurückhalten, falls er denn bei der Arbeit überhaupt noch welche hat.

Digitale Chance Nr. 5: Indem Technik Menschen relevantes Wissen zur Verfügung stellt und ihnen triviale Tätigkeiten abnimmt, entsteht Raum zum Nachdenken – über neue Ideen und Produkte, aber auch über Sinn und Zweck der eigenen Arbeit, eines Projekts, eines Unternehmens. Wer das eine will, bekommt es nicht ohne das andere.

6. Die Digitalisierung wird auch eine soziale Revolution. Oder ein Rohrkrepierer.

Und so sind doch noch einige Hindernisse zu überwinden, auf dem Weg in eine goldene digitale Zukunft: die alten Glaubensbekenntnisse, Menschenbilder und Machstrukturen. Mehrwert schaffen nur durch Ideen? Höchstens wenn man sie strikt unter Verschluss hält und meistbietend verhökert. Mitarbeiter erst mitdenken und dann auch noch mitbestimmen lassen? Nein danke, kreatives Chaos kennen wir schon! Nur: Die Art von klugen, wettbewerbsentscheidenden Ideen, die Unternehmen und Organisationen in Zukunft am dringendsten brauchen und die sie sich nicht zuletzt von der Digitalisierung erhoffen, entstehen eben nicht ohne ein ordentliches Quantum Freiheit und Selbstbestimmung. Wenn die Digitalisierung also mehr werden soll, als nur ein ziemlich spießiges Update von Hard- und Software, dann müssen sich nicht nur das Verhältnis von Mensch und Technik, sondern auch die Beziehungen zwischen den Menschen ändern.

Digitale Chance Nr. 6: Es können viel mehr gute Ideen umgesetzt werden, wenn wir Menschen nicht nur durch Technik ermächtigen, sondern auch die Macht gleichmäßiger verteilen.

7. Digitalisierung bedeutet zunächst einen Strukturwandel. Aber erst durch einen Kulturwandel wird sie ihr ganzes Potenzial entfalten können.

Ist doch klar: Nur, wenn wir nicht lediglich die Technik „auf Vordermann“ bringen, sondern auch das Bild, das wir von unseren Kollegen, „Untergebenen“ oder Chefs haben, nur wenn sich also mit dem Hard- und Software-Update auch das Denken und Empfinden wandelt, dann kann die Digitalisierung uns tatsächlich als Unternehmen UND als menschliche Gemeinschaft, als Gesellschaft UND als Volkswirtschaft ganz weit nach vorn bringen. Und nach vorne heißt auch, an einen Ort, wo vorne und oben nicht mehr die einzigen Kriterien sind, die über Wohl und Wehe entscheiden, weil uns die Digitalisierung als Unternehmen, als Organisationen, als Gesellschaft oder schlicht als Menschen hilft, andere Prioritäten zu setzen. Bessere.

Digitale Chance Nr. 7: Die technische Revolution könnte einen grundlegenden Kulturwandel ermöglichen. Nicht nur in Unternehmen.

Traumland #Digitalisierung Wie es laufen könnte, wenn wir es gut machen @arbeitmorgen Klick um zu Tweeten

Doch nun noch einmal zurück ins Traumland: Der Bär und der Tiger, die sich auf den Weg nach Panama gemacht haben, lernen jedenfalls am Ende ihrer Reise einen klassischen „weichen Faktor“ schätzen: Als sie zurück nach Hause kommen, kaufen sie sich ein schönes gemütliches Plüschsofa. Ob dann in ihrem Haus, von dem sie glauben, dass es in Panama liege, alles ganz anders und viel größer ist, darf man bezweifeln. Aber das Sofa – und die vielen Begegnungen auf ihrer Suche nach Panama – haben ihr Leben doch bedeutend verändert und bereichert. Und so könnte das auch laufen mit der Digitalisierung, wenn wir es gut machen!


Über den Autor

andreas-schielDr. Andreas Schiel ist Humanist aus Überzeugung – und außerdem Zukunftsforscher, Blogger und Speaker. Derzeit arbeitet er an einem Buch über die Rolle von Gefühlen in Unternehmen und anderen sozialen Systemen. Er bloggt auf arbeitmorgen.de zur Zukunft der Arbeit und spricht darüber – zum Beispiel am Donnerstag, 20. Oktober um 13 Uhr in der Blogger Lounge der Zukunft Personal. Andreas Schiel hat Philosophie, Psychologie und Politik studiert, über Liebe, Kommunikation und Ethik promoviert und als Dozent und Lehrer gearbeitet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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1 Comment

  1. Glückwunsch;) das ist ein kluger Text, der hilft, die Dinge zu sortieren. Die benannten Digitalen Chancen sind in der Tat Chancen. Um sie aber realisieren zu können, sind sie sogar Notwendigkeiten.
    Wofür Antworten zu finden sind: Was sollte internationale Konzerne oder Konzerne generell motivieren, getrieben von der Börse Logik und kurzfristigen Gewinninteressen, dass der „Raum zum Nachdenken“ auch geheizt ist.
    Ist zu verhindern, dass die Digitalisierungs-Gewinner Ihre Gewinne nach Panama reisen lassen?
    Wie finanzieren wir ein Gemeinwesen, wenn durch Digitalisierung ein Großteil der Wertschöpfung außerhalb der geografischen Grenzen unseres Landes geschieht?
    …. Es bleibt spannend, nutzen wir Chancen.
    Lieben Gruß, Christian Grätsch

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