Crowd-Doing Raul Krauthausen

Foto: Andi Weiland | Sozialhelden e.V.

Der Aktivist Raúl Krauthausen, Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, gründete mit seinem Cousin Jan Mörsch 2004 den gemeinnützigen Verein SOZIALHELDEN in Berlin – eine Denkfabrik für soziale Projekte. Die Organisation engagiert sich für eine barrierefreie und inklusive Gesellschaft. Unter dem Motto „Einfach mal machen!“ haben sie zahlreiche erfolgreiche Projekte in Deutschland hervorgebracht. In seinem Vortrag „Crowd-Doing – Chance für Diversity und Teilhabe“ erläutert Krauthausen auf der Zukunft Personal 2016 die Vorteile der Weisheit von Vielen.

Herr Krauthausen, gemeinsam mit Ihrem Cousin haben Sie einen gemeinnützigen Verein gegründet. Was genau machen die SOZIALHELDEN?

Angefangen hat alles mehr oder weniger aus Versehen. Wir wollten soziales Handeln wieder attraktiv gestalten – jenseits des moralischen, erhobenen Zeigefingers oder dem schlechten Gewissen, mit dem Hilfsorganisationen oft werben. Wir wollten den Zweck in den Mittelpunkt stellen und dachten der Name SOZIALHELDEN passt sehr gut. Wir haben sehr klein angefangen, unter anderem haben wir ein Casting veranstaltet, bei dem wir gemeinsam mit einem Berliner Radiosender einen Zivildienstleistenden für mich gesucht haben. Das hat insofern gut funktioniert, als dass wir mit dem Radiosender genau ins Schwarze getroffen haben, da der junge Menschen als Zielgruppe hat. Viele Jungs, die damals noch Zivildienst machen mussten, haben diesen Radiosender gehört. Dass das dann so durch die Decke ging und wir am Ende 150 Bewerbungen hatten, hätten wir selber nie gedacht. Das war der richtige Kanal, um die Menschen zu erreichen. Darum geht es genau: Es ist nicht so, dass die Menschen nicht wollen oder sich nicht gerne engagieren, sondern dass man sie nicht erreicht. Unser zweites Projekt mit dem Namen „Pfandtastisch helfen!“ gibt Supermarktkunden die Möglichkeit ihren Pfand Bon zu spenden. Das aktuelle Projekt, an dem wir arbeiten, ist die “Wheelmap” – eine Karte für rollstuhlgerechte Orte.

Es ist nicht so, dass Menschen sich nicht gerne engagieren - man erreicht sie nicht. Klick um zu Tweeten

Mit Ihren Projekten wie etwa der “Wheelmap” und setzen Sie auf die Crowd. Nicht nur lokal, sondern global – wie erreichen sie die Leute?

Wir sind vor allem in unseren Social Media-Kanälen sehr aktiv und sind auf allen nennenswerten Plattformen vertreten. Vor Ort versuchen wir, mit den Leuten Fragestellungen zu bearbeiten, die man ohne großes Vorwissen beantworten kann. Zum Beispiel, ob das Café in der Nachbarschaft eine Stufe am Eingang hat. Das kann jeder beurteilen, dafür muss man kein Soziologie- oder Architektur-Studium haben. Wir haben das Gefühl, dass große Organisationen oft großes Wissen voraussetzen. Wir haben uns aber gesagt, das muss so runtergebrochen werden, dass es jeder versteht.

Das Runterbrechen ist also ein Aspekt, weshalb Ihre Projekte funktionieren. Welche weiteren Faktoren motivieren die Menschen?

Da sehe ich zwei Faktoren: Zum einen, dass es jeder sofort versteht. Worum geht es? Stufe am Eingang – ja oder nein? Das verstehen die Leute. Das Zweite ist, dass es möglichst einfach sein muss, mitzumachen. Wir haben zum Beispiel bei der “Wheelmap” keinen Registrierungszwang. 90 Prozent aller Nutzer springen ab, wenn sie das Gefühl haben, sie müssen sich irgendwo registrieren. Wenn man sich die App aber einfach installieren und dann sofort mitmachen kann und gleich ein Ergebnis sieht – das motiviert die Leute!

Wir haben mit der “Wheelmap” die größte Plattform der Welt geschaffen, die jetzt fast 700.000 Orte auf der Karte hat. Dass das Projekt diese Größe erreichen wird, hätten wir selbst niemals gedacht. Man muss natürlich auch sehen, dass dieses Projekt niemals fertig wird. Die Welt verändert sich – Restaurants schließen und machen wieder auf. Das heißt, es gibt keinen „das-Projekt-ist-jetzt-fertig-Moment“, es geht immer, immer, immer weiter. Was wir jetzt versuchen ist, mit anderen großen Projekten zusammenzuarbeiten, die auch etwas kartographieren oder etwas mit Adressverzeichnissen zu tun haben.

Sie sprechen auf der Zukunft Personal über das Thema Crowd-Doing. Im Moment ist Crowdworking ein großer Trend. Was ist der Unterschied?

Ich denke, da gibt es nur marginale Unterschiede. Beim Crowd-Doing gibt es keine Bezahlung. Beim Crowdworking würde ich jetzt erwarten, dass derjenige, der etwas beiträgt auch Geld bekommt. Das kann man beim sozialen Engagement natürlich nicht leisten. Wir appellieren daran, dass die Leute sagen: Ja, auch wenn es kein Geld gibt, macht es Sinn, die Informationen miteinander zu teilen. Dabei bauen wir so ein bisschen auf das Prinzip von Wikipedia. Das ist ja auch eher ein Doing als ein Working.

Für wen eröffnet diese Art der Zusammenarbeit neue Möglichkeiten?

Solche Projekte machen immer dann Sinn, wenn sie betriebswirtschaftlich nicht auf den ersten Blick einen Mehrwert bringen. Vor derartigen Projekten schrecken viele Unternehmen oder Organisationen zurück. Es gibt viele Themen, die betriebswirtschaftlich nicht verwertbar sind: Wikipedia neu zu schreiben – da gibt es niemanden, der das bezahlen würde. Gleichzeitig gibt es aber ganz viele Themen, die trotzdem sinnvoll sind. Zum Beispiel zu beurteilen, ob ein Ort rollstuhlgerecht ist. Da sprechen wir den gesunden Menschenverstand an; es muss ja nicht jeder mitmachen aber die Leute, für die es einen Mehrwert bringt, die machen freiwillig mit. Man kann sowas nicht erzwingen. Wir haben ganz viel Glück gehabt, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Man muss aber auch ein Gespür dafür entwickeln – wie weit kann man das Ding treiben und pushen, ohne dass man den Leuten das Gefühl gibt, man beutet sie aus.

Welche Chancen bietet Crowd-Doing vor allem in Hinsicht auf Diversity?

Ich glaube, dass wir durch die neuen Technologien wie Crowd-Doing oder Social Media zum ersten Mal an einem Punkt sind, wo Minderheiten sich äußern können, ihre eigenen Bedarfe artikulieren können und man gemeinsam an einer besseren Welt arbeiten kann. Gemeinsam hat man die Chance etwas zu verändern. Große Unternehmen würden nicht von sich aus Orte auf ihre Rollstuhlgerechtigkeit hin bewerten, weil das für sie erstmal marktwirtschaftlich keinen großen Effekt hat. Wenn sich jetzt aber genügend Menschen freiwillig bereit erklären, diese Informationen zu sammeln und miteinander zu teilen, dann kann das auch große Unternehmen dazu bringen, darüber nachzudenken, ob sie diese Informationen nicht auch in ihre Plattformen miteinbauen so wie etwa Ladenöffnungszeiten oder ob ein Restaurant eine Raucherecke hat.

Ob ein Restaurant barrierefrei ist oder nicht, das sind ja erstmal Informationen, die nicht sofort auf Google Maps stünden. Der soziale Druck ist nicht hoch genug. Das ist so eine Art Henne-Ei-Problem. Restaurants sagen zum Beispiel: Es wollte ja noch nie ein Rollstuhlfahrer rein. Und wir sagen, es wollte noch nie jemand rein, weil noch nie jemand rein konnte. Wir haben uns eben gesagt, wir bauen selbst eine ganz einfache Plattform, auf der man erst einmal einträgt und Informationen sammelt. So versuchen wir eine soziale Relevanz zu schaffen. Von Rollstuhlgerechtigkeit profitieren dann am Ende zum Beispiel auch Familien mit Kinderwagen, Leute mit Gepäck oder mit dem Fahrrad und nicht nur Leute mit dem Rollstuhl.

Durch Technologien wie #CrowdDoing können sich Minderheiten äußern und ihre Bedarfe artikulieren. Klick um zu Tweeten

Crowdworking Plattformen verändern die Art und Weise wie wir zusammenarbeiten, Anstellungsverhältnisse verfließen und auch immer mehr Unternehmen wollen gerne von der Innovationskraft der Crowd profitieren. Sind an Sie ebenfalls schon Unternehmen herangetreten?

Unsere Plattform ist eine offene Plattform. Das heißt, jeder kann mitmachen, Daten eintragen und weiter benutzen. Ab einer bestimmten Relevanz, wir haben fast 700.000 Orte, haben wir schon gemerkt, dass sich Unternehmen für diese große Datenmenge interessieren. Wir sind momentan dabei, sowohl technische als auch rechtliche Schnittstellen zu entwickeln zu anderen Plattformen weltweit, um die Daten einer größeren Nutzerschaft zur Verfügung zu stellen, aber das ist sehr komplex. Technisch ist das nicht unbedingt die große Herausforderung, sondern eher diplomatisch und juristisch. Das ist gar nicht so trivial, aber wir sind auf einem guten Weg. Wir haben zum Beispiel mit den Gelben Seiten vereinbart, dass sie die Rollstuhlgerechtigkeit von Restaurants anhand von “Wheelmap”-Daten auf ihren Seiten anzeigen.

Wo sehen Sie Grenzen des Crowd-Doing?

Ich glaube, es wird immer dann problematisch, wenn Nutzer am Ende das Gefühl haben, sie werden ausgebeutet und sie füttern am Ende einen großen Kapitalisten und engagieren sich weniger für die soziale Sache. Das heißt, es geht auch immer darum, die Relevanz im sozialen Bereich hochzuhalten und sich nicht zu sehr zu verbiegen, um im großen Mainstream anzukommen. Es ist immer viel Diplomatie im Spiel.

Was ist Ihre persönliche Motivation, die Projekte der Sozialhelden voranzutreiben?

Also einmal motiviert mich natürlich, dass ich Rollstuhlfahrer bin. Wir haben mit der Plattform ein Projekt geschaffen, das mir selber im Alltag hilft und das treibt mich natürlich an. Wir sind jetzt im sechsten Jahr und merken auch, dass es politisch interessant wird. In anderen Ländern hat sich zum Beispiel etwas in der Gesetzgebung getan: Unternehmen werden verpflichtet, rollstuhlgerecht zu werden. Die sind viel weiter als in Deutschland. Deutschland fängt erst langsam an, da politisch aktiv zu werden und die Gesetze ins 21. Jahrhundert zu bringen. Das ist unsere Mission – wir sind in der Beziehung aktiv, wir sind kein Unternehmen, sondern wir sind ein Verein, der wirklich eine nachhaltige Veränderung in der Gesellschaft erwirken will.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Unter dem Ansatz des Crowd-Doing haben wir auch noch ein anderes Projekt gestartet: Wir nennen es Disability Mainstreaming. Damit wollen wir das Thema Behinderung in den Mainstream bringen. Wir glauben, dass man das nur schafft, wenn man Schnittstellen sowohl technischer als auch inhaltlicher Art baut, um die großen Plattformen dazu zu bringen, darüber nachzudenken, ob das für die eine gewisse Relevanz hat. Das wollen wir etwa mit dem Projekt „Gesellschaftsbilder.de“ – wir bieten Fotos an zum Thema Inklusion, also vor allem von Menschen mit Behinderung, um den Journalismus in Deutschland in die Lage zu versetzen, authentische Bilder zum Thema Behinderung zu veröffentlichen und nicht nur diese total klischeebeladenen Stockbilder, die Vorurteile bestätigen oder sogar schüren. Inzwischen arbeiten wir dabei mit der Deutschen Presseagentur zusammen, die unsere Bilder in ihre Datenbank übernehmen, damit Journalisten diese in ihrem klassischen Arbeitsablauf auch benutzen, ohne lange recherchieren zu müssen. Da wir sowieso selber viele Fotos besitzen beziehungsweise selber gemacht haben, wollten wir die Fotos einer größeren Nutzerschaft anbieten.

Neben der Bildsprache haben wir auch Angebote für die Schriftsprache. Wir bieten Journalisten Workshops an, in denen sie lernen können, wie in Deutschland über Inklusion gerade geredet wird und wie sie selbst das Thema innovativ und zeitgemäß bearbeiten können, ohne dass sie ein Sozialwissenschaftsstudium abgeschlossen haben müssen. Wir geben einfach Hands-on Praxis-Tipps, worauf sie achten sollen. Zum anderen beraten wir aber auch Politiker und Unternehmen, die anhand unserer Daten auch in ihren Projekten und Gesetzen Verbesserungen erzeugen können.

Wie weit sind wir Ihrer Meinung nach beim Thema Diversity in den Unternehmen?

Das ist natürlich noch ein weiter Weg. Aber ich denke, dass wir einen Anfang gemacht haben, indem wir mit unseren Projekten zeigen, was geht und was möglich ist. Das ist viel, viel mehr als Unternehmen im klassischen Sinne ermöglichen. Man muss da auch ein bisschen mit Zuckerbrot und Peitsche arbeiten: Auf der einen Seite die direkte Konfrontation mit dem Thema – das ist dann die Peitsche. Und das Zuckerbrot ist dann auch aufzuzeigen, wie sie eine Veränderung erreichen können und dafür Ansatzempfehlungen geben.

#Diversity: Es kann nicht sein, dass sich Unternehmen aus der Verantwortung stehlen. Klick um zu Tweeten

 

Interview: Katharina Dorp

Veranstaltungstipps:

19.10.2016, 13:00 – 14:00 Uhr, Trendforum Digital Culture, Halle 3.2, Koelnmesse

Podiumsdiskussion „Crowdworking – Chance oder Risiko für Qualität und Selbstbestimmung?“ auf der Zukunft Personal 2016

mit Raúl Krauthausen, Inklusions-Aktivist, Gründer, SOZIALHELDEN, Bastian Unterberg, CEO & Founder, jovoto, Vanessa Barth, Bereichsleiterin Funktionsbereich Zielgruppenarbeit und Gleichstellung, IG Metall, Mirjam Pütz, Head of Disruptive and Strategic Programs, Deutsche Bank und Christian Kuhna, Director Think Tank Future Trends & Innovation, adidas Group HR Strategy

19.10.2016, 15:00 – 15:30 Uhr, Trendforum Digital Culture, Halle 3.2, Koelnmesse

Vortrag „Crowd-Doing – Chance für Diversity und Teilhabe“
Raúl Krauthausen, Inklusions-Aktivist, Gründer, SOZIALHELDEN

 

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