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Podiumsdiskussion der Zeitschrift Wirtschaftspsychologie aktuell auf der Zukunft Personal, Foto: Peter Porst

Newt Gingrich, US-amerikanischer Politiker der Republikanischen Partei, machte kürzlich mit einem Interview Furore. Den aktuellen Kriminalitätsstatistiken hielt er dabei sinngemäß entgegen: „Ich bin nicht verantwortlich für die Fakten, sondern für die Gefühle meiner Wähler“. Auch hierzulande wähnt man sich bisweilen im postfaktischen Zeitalter, wenn man sich die politische Landschaft anschaut. In einer Podiumsdiskussion der Zeitschrift Wirtschaftspsychologie aktuell ging es am 18. Oktober auf der Zukunft Personal um dieses topaktuelle Thema – allerdings bezogen auf die Rolle von Emotionen am Arbeitsplatz.

#Arbeit Es ist gefährlich, wenn wir unsere Gefühle zur Richtschnur der Welt machen @MarkusVaeth Klick um zu Tweeten

Sollten wir angesichts postfaktischer Tendenzen vielleicht doch besser mehr denken und weniger fühlen? Dies forderte Markus Väth, Diplom-Psychologe, freiberuflicher Coach, Berater und Buchautor: „Es ist gefährlich, wenn wir uns nicht über Dinge einigen, die sind und die nicht sind, und unsere eigenen Gefühle zur Richtschnur für die ganze Welt machen“, so der Autor des Buches „Arbeit – Die schönste Nebensache der Welt. Wie New Work unsere Arbeitswelt revolutioniert“.

 Natürlich habe auch jeder verständige Mensch Gefühle, „Ratio“ und „Emotio“ seien keine getrennten Sphären. „Aber wir müssen unsere Gefühle erkennen und entsprechend handeln. Darin sind viele Menschen nicht geschult – auch Führungskräfte nicht.“ In Unternehmen werde dies nicht aktiv gefördert. „Wir leben in einer Führungskultur des Managements und des Controllings. Bei Einsen oder Nullen gibt es wenig Raum für Emotionen.“

Gefühle bleiben bei der Ausbildung auf der Strecke

„Das Problem ist, dass wir Gefühle als Gegenspieler der Gedanken sehen. Wir brauchen aber doch beides“, bestätigte auch Prof. Dr. Jochen Menges, der am Lehrstuhl Führung und Personalmanagement der WHU – Otto Beisheim School of Management in Düsseldorf zum Thema Gruppenemotionen forscht. Während unser Gehirn schon in der Schule trainiert werde, komme die Gefühlsbildung oftmals zu kurz. „Gefühle bleiben bei der Ausbildung auf der Strecke“.

#Gehalt #Arbeit Prof. Menges: Personen, die Emotionen besser erkennen, verdienen mehr #Geld Klick um zu Tweeten

Jeder bemerke Emotionen anderer Personen, manche Menschen seien darin aber besser als andere. In einer Studie an seinem Lehrstuhl habe Prof Menges herausgefunden, dass die Fähigkeit zur Emotionserkennung mit dem Jahreseinkommen korreliere. „Personen, die Emotionen besser erkennen, verdienen mehr Geld.“ Unternehmen nutzten diese Erkenntnis bisher jedoch meist höchstens intuitiv und prüften oder förderten noch nicht systematisch die diesbezüglichen Fähigkeiten der Mitarbeiter.

 

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Markus Väth und Maik Spengler in der Diskussion mit Bärbel Schwerfeger (von links), Foto: Peter Porst

Widersprüchliche Signale führen zu Fehlinterpretationen

„Die Fähigkeit, Emotionen zu erkennen, ist jedem gegeben, aber es werden uns oft widersprüchliche Signale gesendet“, ergänzte Maik Spengler, Diplom-Psychologe und Wissenschaftlicher Leiter der HR Diagnostics AG. So könne etwa jemand, der traurig sei, unter Umständen auch lächeln. „Schlechte Manager erkennen das nicht.“

Für Testverfahren und Rollenspiele, die sein Unternehmen entwickelt, beschäftigt Spengler sich damit, wie viel emotionale Intelligenz Menschen für bestimmte Positionen im Unternehmen brauchen. „Eine Person, die viel in Kontakt mit anderen Menschen ist, muss hohe Kompetenzen im Bereich der Emotionserkennung und Emotionsselbstkontrolle haben, damit Kundengespräche nicht eskalieren“, nannte Spengler ein Beispiel. Hinter der Kompetenz, Gefühle zu orten und mit ihnen umgehen zu können, steckten verschiedene Motive: Manche Mitarbeiter handelten aus egoistischem Interesse für sich selbst, andere im Sinne der Organisation. „Führungskräfte brauchen eine gewisse Ausprägung egoistischen Handelns in Emotionsfragen, um Entscheidungen durchzusetzen. Bei hoher Ausprägung sinkt aber auch hier die Leistung.“

#Leadership Maik Spengler: Schlechte Manager erkennen widersprüchliche Signale von #Emotionen nicht Klick um zu Tweeten

Passen die Gefühle zur Organisation?

Um die Diskussion zu befeuern, zitierte Moderatorin Bärbel Schwertfeger, Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell, den Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer. Dieser sei der Meinung: Je höher man in der Firmenhierarchie komme, desto eher müsse man seine Gefühle verbergen. Offenes Feedback werde dann negativ sanktioniert. Diese These bestätigte Prof. Menges: „Im Durchsetzungskampf auf dem Weg nach oben muss man auch mal seine Gefühle zurückhalten und sich davon distanzieren können.“ Prinzipiell hänge es aber stark von der Unternehmenskultur ab, ob man Emotionen zeigen könne oder verbergen sollte. „Jedes Unternehmen hat emotionale Normen – in einer Werbeagentur sind das andere als in der Versicherungsfiliale.“

Prof. Menges: Oft werden Gefühle kultiviert, die niemand befürwortet #Unternehmenskultur #Leadership Klick um zu Tweeten

Gefühle zurückzuhalten, mache niemand so richtig Spaß. „In der klassischen hierarchischen Struktur gibt es Kulturelemente, die heute nicht mehr zu den Erwartungen der Menschen passen.“ Oft würden Gefühle kultiviert, die eigentlich niemand befürworte. Hinzu komme, dass Menschen viel besser seien, wenn sie emotional mit ihrer Arbeit in Verbindung stünden. Deshalb empfiehlt der Professor, sich als Organisation stärker zu fragen, was die Mitarbeiter eigentlich empfinden wollen. Wer dies mit dem Ist-Zustand abgleiche, entdecke häufig einen Gap. „Man sollte als Organisation ein Repertoire an Emotionen haben. Sinn und Ziel des Unternehmens sind dabei die Schlüssel. Denn dann sind auch negative Emotionen akzeptabel, die auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel entstehen.“

Schulterklopfer teilen

Mit Hanna Drabon, verantwortlich für das Business Development von comspace, einer Internetagentur mit rund 70 Mitarbeitern, war bei der Podiumsdiskussion eine Unternehmensvertreterin dabei, die neue Ansätze aufzeigen konnte: „Wir wollen das Team 4.0 in einem vernetzten Unternehmen bilden.“ Auf Initiative des Geschäftsführers Andreas Kämmer sei dies als offener Prozess angelegt, der auch den Abbau von Hierarchien einschließe. „Wenn dabei herauskommt, dass wir ein mitarbeitergeführtes Unternehmen werden, dann ist das halt so. Das erfordert aber viel Mut, Emotionen hochkommen zu lassen, auch wenn es mal schlecht läuft“, so Drabon.

#Augenhöhe Jeder soll sein eigener Feelgood Manager werden @HannaDrabon @comspace Klick um zu Tweeten

comspace hat unter anderem einen Feelgood Manager eingeführt, der die Beschäftigten aktiv dabei unterstützt, mit positiven und negativen Gefühlen umzugehen – auch im Konfliktfall. Einbringen müsse sich dennoch jeder selbst. „Wir entwickeln uns dahin, dass jeder sein eigener Feel Good Manager sein soll.“ Vielen Mitarbeitern gehe es nicht nur darum, die Wertschätzung vom Chef zu bekommen. Ebenso wichtig seien positive Rückmeldungen der Kollegen. „Wir möchten uns das Schulterklopfen teilen.“ Ein gutes Emotionsmanagement beinhalte auch einen neuen Umgang mit Karrierefragen. Die Mitarbeiter von comspace könnten zum einen selbst ihre Motivatoren und Talente in Personalgesprächen erörtern. Zum anderen werde mit der Fachkarriere eine Alternative zur Führungsposition geboten, die in hierarchischen Unternehmen nach wie vor als Nonplusultra für die Karriere gelte. „Wir haben eher ein Karriere-Klettergerüst statt einer Karriereleiter. Viele Mitarbeiter möchten einfach ihre eigenen Ideen einbringen und das können sie auch auf anderen Wegen.“

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Hanna Drabon (rechts), Prof. Menges und Bärbel Schwertfeger auf dem Podium, Foto: Peter Porst

Begeisterte Mitarbeiter: Alles nur Show?

Derartige Ansätze von New Work erwiesen sich jedoch oftmals als reine Fassade, merkte Moderatorin Schwertfeger mit Hinweis auf den Spielehersteller Goodgame Studios an, der mit luxuriösen Arbeitsbedingungen geworben habe, Ende letzten Jahres jedoch, als ein Betriebsrat gegründet werden sollte, kurzerhand 28 unliebsame Mitarbeiter vor die Tür setzte. „Wenn die Mitarbeiter gegenüber Kunden nur noch gute Laune versprühen müssen, passt das einfach nicht. Uns geht es um authentische Emotionen“, konterte Hanna Drabon von comspace. Das schätzten die Kunden ebenso wie die Mitarbeiter. „Wir sind auf hochmotivierte Mitarbeiter angewiesen, in der IT gibt es anderswo auch genug Jobs.“

„Ich war kurz verwirrt und dann verärgert, aber jetzt weiß ich, was mich an dieser Diskussion stört: Die Emotionen stehen im Dienste des Profits“, bemängelte Autor Markus Väth gegen Ende der Diskussion. Der Schriftsteller und Arzt Ulrich Renz habe das „emotionalen Kapitalismus“ genannt. Bei Ansätzen von New Work gelte es zu unterscheiden: Der ersten Generation der New Worker ab Ende der 80er sei es um den philosophischen Impuls und um Kapitalismuskritik gegangen. „Frithjof Bergmann, der Begründer der New-Work-Bewegung, war daran interessiert, wie Arbeit die menschliche Freiheit unterstützen kann.“ Die zweite Generation New Worker widme sich heute sehr stark der Organisationsentwicklung im Zuge von Digitalisierung, Dezentralisierung und Demokratisierung. „Heute gibt es höchstens Kritik im System, früher eher am System.“

#NewWork #Emotionen stehen im Dienste des Profits = emotionaler Kapitalismus @MarkusVaeth Klick um zu Tweeten

„Zu mir haben auch schon Freunde gesagt: ‚Das mit dem Feelgood Management macht Dein Chef doch nur, dass Du gern da arbeitest‘“, konterte comspace-Mitarbeiterin Drabon. „Aber wo ist das Problem? Ich arbeite gerne gerne.“

Emotionen und Digitalisierung: Was bringt die Zukunft?

Und welche Bedeutung werden Gefühle angesichts der zunehmenden Digitalisierung einnehmen? Prof. Menges sah gerade in der emotionsgeladenen Kundenberatung zukünftige Tätigkeitsfelder. Denn andere Aufgaben würden künftig von Software und Algorithmen übernommen – eine Entwicklung, die insbesondere im Bankensektor schon weit vorangeschritten sei. Die Kundenberatung biete viele Chancen für positive Emotionsarbeit, wenn der „Emotionsmüll“ nicht bei einzelnen Mitarbeitern hängen bleibe. „Der Kontakt zum Kunden kann belastend sein, aber auch bereichernd: Wenn sich die Kunden freuen, ziehe ich Bedeutung aus meiner Arbeit und bin glücklich.“

 

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