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Crowdworking – Selbstbestimmtes Arbeiten oder digitale Sklaventreiberei?

Crowdworking – Selbstbestimmtes Arbeiten oder digitale Sklaventreiberei?

Podiumsdiskussion zum Thema „Crowdworking“ auf der Zukunft Personal 2016 in Köln. V.l.n.r: Christian Kuhna, Mirjam Pütz, Raúl Krauthausen, Moderatorin Angela Stave, Bastian Unterberg und Vanessa Barth.

Apps testen, Adressen eingeben, Produktbeschreibungen erstellen – und das alles für einen Hungerlohn. Diese Assoziationen verbinden viele mit dem Begriff „Crowdworking“. Doch das Phänomen ist vielschichtiger: Nicht nur vermeintlich anspruchslose Micro-Aufgaben werden anonym im Netz vergeben, sondern auch Forschungs-, Entwicklungs- oder Designaufgaben wie etwa die Kreation eines neuen Corporate Designs oder die Programmierung einer komplexen Applikation. Spaß, Lernmöglichkeiten und weniger der Verdienst stehen dabei für viele Crowdworker im Vordergrund (siehe Gastbeitrag von Prof. Al-Ani).

Ausbeutung oder selbstbestimmtes Arbeiten? Perspektiven, Chancen und Herausforderungen des plattformbasierten Arbeitens erörterten Experten im Trendforum „Digital Culture“ auf der Zukunft Personal 2016 in Köln.

Der Begriff Crowdworking, auch „Crowdsourcing“ genannt, geht mutmaßlich auf den Wired-Magazin-Autor Jeff Howe zurück: 2006 prägte er den Terminus, der sich aus „Crowd“ und „Outsourcing“ zusammensetzt. Seither wird kontrovers über das Phänomen diskutiert – von Wissenschaftlern, Arbeitnehmervertretern, Arbeitgebern und der Crowd selbst.

Vor- und Nachteile auf einen Blick

Für Unternehmen bietet Crowdworking eine deutliche Kostenersparnis, eine größere Innovationsbandbreite und schnellere Arbeitsprozesse. Arbeitgeber können Crowdworker flexibler nach Bedarf einsetzen und werden dadurch agiler. Auf der Negativseite stehen jedoch rechtliche Unsicherheit, Kontrollverlust sowie die Gefahr, dass Know-how aus den Unternehmen abwandert, wusste Christoph Sieciechowicz, Vorstandsmitglied des Deutschen Crowdsourcing Verbands e.V., wobei der Medienunternehmer ein deutliches Übergewicht bei den Pro-Argumenten ausmachte.

Auch für die Crowdworker selbst bietet diese Arbeitsform enorme Benefits, berichtete Vanessa Barth, die das Thema im Vorstand der IG Metall betreut: etwa eine flexible Zeiteinteilung, abwechslungsreiche Aufgaben, bessere Möglichkeiten der Inklusion und Diversity, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie einen ersten Zugang zu Arbeit für Berufsanfänger und Wiedereinsteiger.

Doch die Risiken auf der User-Seite sind ungleich größer, als die der Unternehmen, zeigte sich Barth überzeugt. Teilweise sittenwidrige AGB, Entgelte unter Mindestlohnniveau, fehlende Sozialversicherung, Haftung und Schutz vor Willkür seien Probleme, die es zu lösen gelte, wenn sich diese Art des Arbeitens längerfristig und nachhaltig etablieren solle.

#Crowdworking: Benefits und Risiken für #User wie auch #Unternehmen @IGMetall Klick um zu Tweeten

Neue Ansprüche an Karrieremodelle

Mit der Digitalisierung wandeln sich die Ansprüche an Karrieremodelle, betonte Bastian Unterberg beim Blick in die Zukunft. „Schon heute möchten wir Freiheit, Flexibilität und Selbstbestimmung bei der Arbeit nicht mehr missen“, so der Jungunternehmer, der aus genau diesen Gründen sein eigenes Unternehmen gegründet hat: jovoto – eine globale Kreativ-Plattform zur kollaborativen Ideenfindung, die mit internationalen Unternehmen, Non-Profit-Organisationen und Werbeagenturen zusammenarbeitet. „Leute, die keine Lust auf starre Strukturen eines Konzerns haben und frei über ihre Arbeitszeiten und Aufgaben entscheiden wollen, haben bei uns die Chance, mit tausend anderen Talenten an kreativen Lösungswegen zu arbeiten“, beschrieb Unterberg seine Plattform.

Ideen aus der Crowd werden immer häufiger von großen Unternehmen wie etwa der Deutschen Bank genutzt, um Innovationen zu generieren. Mirjam Pütz, Head of Disruptive and Strategic Programs bei dem Bankkonzern, bestätigte, dass auch etablierte Unternehmen verstärkt auf Schwarmintelligenz setzen. Gemeinsam mit Kunden und einem internen Team, das sich mit neuen Themen und Trends befasse, ermögliche die Crowd einen Zugriff auf völlig neue Perspektiven. „Um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben, ist es gerade in einem traditionsreichen Unternehmen wie dem unserem wichtig, dass sich eingespielte Prozesse, Erfahrungswerte und neue Trends und Ideen ergänzen“, unterstrich sie.

So habe die Deutsche Bank in Zusammenarbeit mit jovoto Großumfragen in der Crowd – sogenannte Crowdstorms – initiiert, die Trendfragen des Finanzunternehmens beantworten sollten; etwa, wie künstliche Intelligenz künftig in den Alltag eingebunden werden könnte. „Aus den Ergebnissen der Umfrage konnten die Annahmen unseres Future-Teams bestätigt und neue Perspektiven eröffnet werden, die letztlich auch in unser Produkt- und Serviceportfolio einfließen“, versicherte sie.

Das Zeit-Problem

Der Aufwand, um neue Impulse für kreative Ideenfindung zu bekommen, ist beim Crowdworking gering. Intern ist dies oft weniger einfach: Oft fehlt den Führungskräften, die eigentlich Ideen vorantreiben sollten, die Zeit für Kreativität. „Als Manager steht man einfach unter einem großen operativen und zeitlichen Druck, so dass oftmals die Zeit fürs Weiterdenken, für Innovation fehlt“, gab Unterberg an. Crowdworking sei da eine mögliche Alternative.

Fehlende Kreativität und Agilität hat viel mit internen Strukturen zu tun, ergänzte Christian Kuhna, Zukunftsdenker der adidas Group HR Strategy. „Wer wirklich etwas ändern möchte, muss holistisch an die Sache herangehen“, empfahl er. Der Change-Wunsch müsse da sein und die entsprechende Unternehmenskultur müsse passen, um ein Unternehmen kreativ weiterzuentwickeln und somit zukunftsfähig zu machen.

Das bestätigte auch Raul Krauthausen: Der Inklusionsaktivist ist ebenfalls der Auffassung, dass man sich in den Führungsetagen dringend mit Innovation auseinandersetzen und sich dafür ausreichend Zeit nehmen müsse. „Ideen können und müssen auch die Unternehmen selbst schaffen. Die Crowd ist kein Garant für gelungene Innovation!“, merkte er an.

Die #Crowd ist kein Garant für gelungene #Innovation! @raulde #crowdworking Klick um zu Tweeten

Crowdworking als Lösung für die Inklusionsthematik?

Crowdworking-Befürworter heben gern die Vorteile von Crowdworking für das Thema Inklusion hervor. Gruppierungen, die es im normalen Arbeitsmarkt schwer haben, etwa junge Mütter, die einen Wiedereinstieg in den Beruf suchen oder aber Menschen mit Behinderung, hätten es leichter, einen Weg (zurück) ins Arbeitsleben zu finden – auf Grund der flexiblen Arbeitsgestaltung.

„Der Inklusionsgedanke ist ja schön und gut, aber eingeschränkte Menschen bleiben auch mit den Möglichkeiten des Crowdworking weiterhin isoliert“, hielt Krauthausen dagegen und führte weiter aus: „Crowdworking ist kein Allheilmittel für Diversity!“ Diese neue Art des Arbeitens böte vielerlei großartige Möglichkeiten, doch um auch sozial tauglich zu sein, müssten neue Regeln her. Crowdworking sei ein zweischneidiges Schwert, das zwar viele positive Aspekte wie den der Teilhabe in sich berge, dennoch aber mit der anhaltenden Isolation einen faden Beigeschmack behalte.

Auch in punkto Frauenquote könne Crowdworking nicht das Nonplusultra sein, gab Mirjam Pütz zu bedenken. „Erhöht sich dadurch die Frauenquote? Jein! Natürlich bringt Crowdworking eine tolle Flexibilität mit sich, gerade für junge Mütter. Trotzdem haben Unternehmen damit nicht die Lösung für die Diversity-Problematik gefunden“, sagte sie. Unternehmen müssten auch Möglichkeiten der physischen Zusammenarbeit für diese Gruppierungen schaffen.

Crowdworking: Lohnt sich das überhaupt?

Eine digitale Bohème, Menschen, die nach Selbstverwirklichung und Freiheit streben, und Unternehmen, die in neue Innovationssphären aufbrechen: ein schönes Bild. Doch wie fair geht es bei solchen Plattformen wirklich zu? Kann man vom Crowdworking tatsächlich leben?

#Crowdworking als digitale #Bohème: #Fairness und #Bezahlung sind noch ausbaufähig. @IGMetall Klick um zu Tweeten

Noch ist es jedenfalls sehr selten der Fall, dass Menschen ihren Lebensunterhalt alleine mit Crowdworking bestreiten. jovoto hat sich das Ziel gesteckt, zur Haupteinnahmequelle für 10.000 User zu avancieren. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Denn auch wenn sich Bastian Unterbergs Plattform für Fairness und gute Arbeitsbedingungen einsetzt, sie bezahlt nicht jeden, der Zeit und Ideen in ein Projekt gesteckt hat – so wie übrigens der Großteil aller Croudsourcing-Formate. Die meisten Crowdworker erhalten nach Abschluss eines Projekts keine Bezahlung, auch wenn jovoto im Gegensatz zu vielen anderen Plattformen mehrere „Gewinner“ eines Projekts ermittelt.

Fazit: vielversprechendes Modell mit Optimierungsbedarf

Crowdworking gilt als vielversprechende und zukunftsträchtige Methode, selbstbestimmt und flexibel zu arbeiten. Einig ist man sich unter Experten offensichtlich darin, dass sich diese neue Form des Arbeitens früher oder später etablieren wird. Doch klar ist auch, dass noch einige Details zu klären und zu optimieren sind, damit Freiheit und Flexibilität mit leistungsgerechter Bezahlung und einem gewissen Maß an Absicherung einhergehen.

Vanessa Barth plädierte daher auch bei dieser Form des Arbeitens für gewisse Standards, wie eine Sozialversicherung, die sich an der Künstlersozialkasse orientieren könnte, Mitbestimmungsrecht und Transparenz, Datenschutz und Privatsphäre sowie eine angemessene Vergütung, bei der sie gar einen Mindestlohn nicht ausschließen mochte. Mit der von der IG Metall angebotenen Plattform www.faircrowdwork.org sei zumindest bereits ein Tool entstanden, das Crowdworker unterstützt und berät.

Eines scheint dabei sicher: Nur wenn Arbeitgeber, Gewerkschaften, Politik, Plattformen sowie die User selbst an einem Strang ziehen und gemeinsam die Zukunft des Crowdworking gestalten, werden sie die Potenziale bestmöglich heben und die Risiken für alle Seiten mindern können.

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1 Comment

  1. Wie bei Zeitarbeit und Werksverträgen mangelt es im Bereich Crowdworking ebenfalls an politischen Regelungen zur sozialen Absicherung des Arbeitnehmers. (Natürlich genießt der Arbeiter hierbei immerhin die Freiheit, seine Arbeit nach persönlichen Interessen einzubringen und selbstständiges Zeitmanagement zu betreiben.)

    Ein großes Lob an die IG Metall, dass sie sich dem Thema angenommen hat und mit http://www.faircrowdwork.org/ immerhin schon mal eine Anlaufstelle für Crowdworker geschaffen hat.

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