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Unternehmenspolaroid: Momentaufnahme von Holokratie bei der velian GmbH

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Foto: Philipp Weber, Susanne Hilse und Matthias Kloth (von links)

Statt Unternehmen top-down zu führen, erproben immer mehr Betriebe neue, demokratischere Prinzipien. Das Ziel: mit der Digitalisierung Schritt halten, Entscheidungsprozesse beschleunigen und eine höhere Anpassungsfähigkeit an den Markt erreichen. Ein Beispiel ist die velian GmbH, ein IT-Unternehmen aus Braunschweig, das das Prinzip der Holokratie eingeführt hat. Rolleninhaber treffen nun die Entscheidungen, wobei jeder Mitarbeiter mehrere Rollen innehat. Notwendige Abstimmungen werden in bestimmten Gremien (sogenannten Holons oder Kreisen) getroffen und sollen immer dem Zweck des Unternehmens dienen: Der purpose von velian lautet „We create conscious Software for a conscious world. We return value to the people. We see and solve.“ Dahinter steht der Wunsch und das Ziel, Software zu entwickeln, die Menschen einen echten Mehrwert bietet und dabei Umwelt und Ressourcen berücksichtigt. Nadine Nobile hat die Softwareentwickler für den Podcast „co:culture – Arbeit gemeinsam gestalten“ besucht und mit ihnen über Erfolge und Herausforderungen gesprochen. 

Einführung von Holokratie: Rollenverhalten erlernen

Bereits 1,5 Jahre ist es nun her, dass die velian GmbH durch einen externen Coach auf Holokratie gestoßen ist. „Die Verantwortung liegt nicht mehr nur bei der Führungskraft und dem Manager, sondern wird auf alle Mitarbeiter verteilt“, erzählt Susanne Hilse, zuständig für Personalmanagement, Marketing und PR, in dem Gespräch. Jeder Mitarbeiter hat somit seinen eigenen Verantwortungsbereich und kann in seiner Rolle Entscheidungen treffen. „Da ist ganz viel Selbstmanagement gefragt. Man muss Prioritäten setzen und mit anderen Rollen in Abstimmung gehen. Dies zu managen ist mal einfach, mal nicht so. Dazu muss man sich täglich motivieren“, gibt Susanne zu.

Susanne Hilse, velian: Bei #holokratie ist viel Selbstmanagement gefragt @Amalfitana75 @AugenhoeheFilm Klick um zu Tweeten

Da ein Mitarbeiter mehrere Rollen innehat, kann es zu Spannungen kommen, die es zu spüren und zu benennen gilt. Die Erfolge werden dabei jedoch immer sichtbarer: Die Mitarbeiter fühlen sich laut Susanne sicher in den Prozessen und die Meetings verlaufen gut. Das hohe Vertrauen, das Rolleninhaber genießen, wolle niemand missbrauchen. „Man möchte das sehr gut machen und gibt noch mehr Energie rein.“

Hohe Transparenz fördert bessere Entscheidungen

„Die Zuständigkeiten sind nun ganz klar definiert“, betont Matthias Kloth, Mitgründer und Gesellschafter von velian, der die Rollen Finanzwesen und Vertrieb einnimmt. Vor Einführung von Holokratie sei nie klar gewesen, wie die Bereiche sich abgrenzen und wer was darf. Er nennt noch einen weiteren Vorteil: die hohe Transparenz. In regelmäßigen Meetings überprüft das Unternehmen, wie gut die Rollen und Zuständigkeiten funktionieren. Für jede Rolle gibt es klar definierte Kennzahlen, die dabei in einem festgelegten wöchentlichen Turnus kommuniziert werden. „Zum Beispiel in Finanzmeetings geht es nicht um Personen, sondern um Fakten“, berichtet Matthias.

Ein Vorteil von #holokratie ist die hohe Transparenz, sagt Matthias Kloth, velian @Amalfitana75 @AugenhoeheFilm Klick um zu Tweeten

„Das ist ein hoher Benefit für alle Rolleninhaber“, pflichtet ihm Philipp Weber bei, der als Scrum Product Owner die Meetings organisiert und die Aufgaben und Verantwortungsaufnahme priorisiert. „Wenn ich weiß, dass die Finanzlage gerade sehr gut ist, dann kann ich zum Beispiel mehr Energie in die eigene Produktentwicklung stecken.“ Durch die Kennzahlen könne zwar auch Spannung aufkommen, aber dann werde auch darüber gesprochen. „Alle äußern sich dazu und es wird eine gemeinsame, perfekte Lösung gefunden. Früher war es oft eine egoistische Entscheidung, bei der die richtigen Leute im Meeting gefehlt haben.“

Grenzen setzen und Freiraum gewinnen

Außerdem wird die Last im Unternehmen neu verteilt: „Ich muss mich nicht mehr um Sachen kümmern, die in anderen Rollen drin sind – da komme ich gar nicht in die Versuchung“, meint Philipp. Auch Matthias hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Früher habe ich die Projekte geleitet, akquiriert und durchgeführt. Nun ist es viel ruhiger für mich geworden.“ Heute bedeute die neue Struktur für ihn weniger Stress und mehr Zeit. Gleichzeitig seien Entscheidungen sinnvoller und durchdachter. „Die Softwareentwickler wissen selbst am besten, was sie für eine Entwicklungsumgebung brauchen. Jetzt entscheiden sie das auch selbst. Das ist großartig, weil es aus dem Kopf herausgerät und man nicht denkt, ach das muss ich auch noch machen.“

#holokratie - die Last im Unternehmen wird neu verteilt (Philipp Weber, velian) @Amalfitana75 @AugenhoeheFilm Klick um zu Tweeten

Dadurch komme es nicht zu falschem Aktionismus. Dennoch sei es manchmal schmerzhaft, Dinge loszulassen. „Am Anfang habe ich mir sehr schwer getan, Dinge abzugeben. In den letzten Monaten wurde es aber viel besser“, sagt der Gründer. Gerade die Fachthemen hätten ihm immer sehr viel Spaß gemacht und da fungiert er nunmehr lediglich als Berater – was sich aber auch gut anfühle. Für ihn unliebsame Aufgaben wie die reine Planung ist er durch die Umstellung auf Holokratie an Philipp ganz losgeworden.

Wie geht es weiter?

Ein Thema ist für die Softwareentwickler noch die Fehlerkultur. Fehler sollen stärker zur Normalität werden und die Mitarbeiter Konflikte darüber offen austragen. Anhand eines Tool-Sets der begleitenden Beratung möchten die velianer erstmal schauen, wie es weiter läuft. „Wir hatten ein turbulentes Jahr, jetzt muss Ruhe hineinkommen und sich das festigen. Dann kann der nächste Schritt kommen“, fasst Matthias zusammen. Philipp sieht eines dieser nächsten Level beim Thema Verantwortung: „Da haben wir in den Rollen noch Potenzial für mehr Selbstbewusstsein.“

Fortsetzung folgt: Mitgründer und Geschäftsführer Christian Nolte wird erzählen, warum sich die velian GmbH für Holokratie entschieden und welchem Zweck sich die Organisation verpflichtet hat.

Veranstaltungshinweis: Sven Franke von co:culture moderiert auf der Messe PERSONAL2017 Nord am Mittwoch, 26. April, von 12.30 bis 13.45 Uhr in Hamburg einen Fishbowl zum Thema Augenhöhe und New Work.

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1 Comment

  1. Die IT Organisationsentwicklung sollte in den modernen Unternehmensbildern einen grösseren Stellenwert erhalten.

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