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Prävention 4.0: „Ein aussichtsreicher, aber steiniger Weg“

Prävention 4.0: „Ein aussichtsreicher, aber steiniger Weg“

Foto: Pexels

Interview mit Katja Hedke, freiberufliche Sicherheitsingenieurin und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Verband für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz bei der Arbeit e.V. (VDSI)

Starre 9 to 5- Arbeitszeiten und der fixe Arbeitsort werden in vielen Berufen nach und nach von flexiblen Arbeitszeitmodellen und mobilen Einsatzorten abgelöst – der Digitalisierung sei Dank. Das wirkt sich auch auf unsere Gesundheit aus. Um Potenziale und Risiken im Vorfeld abzustecken und die Gesundheitsförderung zukunftsfit zu machen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Verbundprojekt „Prävention 4.0“ ins Leben gerufen. Katja Hedke, Mitarbeiterin beim Verband für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz bei der Arbeit (VDSI), wird in ihrem Keynote-Vortrag auf der Corporate Health Convention 2017 am 9. Mai in Stuttgart erste Ergebnisse präsentieren. Im nachfolgenden Interview hat uns die freischaffende Sicherheitsingenieurin bereits Einblicke in die Projektarbeit gegeben.

Das Projekt „Prävention 4.0“ des BMBF (Bundesministeriums für Bildung und Forschung) beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt. Wir denken da gleich an mobiles Arbeiten, Kollege Roboter, papierloses Büro. Inwieweit ist der Arbeits- und Gesundheitsschutz davon betroffen?

Arbeiten 4.0 hat in erster Linie mit vernetztem Arbeiten zu tun, gar nicht unbedingt mit dem Roboter, an den viele zuerst denken. So abgedreht ist das gar nicht. Es bezieht sich aktuell vor allem auf Kleinigkeiten – ein Sensor hier, eine App da. Die Digitalisierung hat sich in vielen Bereichen schon durchgesetzt, das zeigt auch eine Umfrage im Rahmen des Projekts: Ganz etabliert hat sie sich zwar noch nicht – gerade in den kleinen- und mittelständigen Unternehmen steht das noch nicht so stark zur Debatte – aber fast. Das VDSI-Team innerhalb des Projekts analysiert, welche Auswirkungen digitale Tools konkret auf den Arbeits- und Gesundheitsschutz haben. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, so vieles wie möglich vorab zu durchdenken, um Probleme zu vermeiden. Zum Beispiel fragen wir uns, ob bei der Nutzung einer Datenbrille nicht nur Erleichterung im Alltag sondern auch körperliche und seelische Belastungen – etwa Druckstellen am Kopf oder Abdriften in die Virtualität – zu erwarten sind. Das möchten wir vorab testen.

#Prävention 4.0 - Projekt des @BMBF_Bund: Gefahren und Potenziale der #Digitalisierung vorzeitig erkennen. #CHCD17 #BGM Klick um zu Tweeten

Mobiles Arbeiten verspricht eine tolle neue Welt der Freiheit, Flexibilität und Effektivität. Doch wie Sie bereits angedeutet haben, kann all dies auch zu Belastungen körperlicher und physischer Art führen. Welche sind das?

Mobiles Arbeiten bringt viele Vorteile mit sich. Doch es hat auch seine Tücken. Denn mit der neuen Arbeitswelt gehen auch neue Belastungen einher –meist psychischer Art: zum Beispiel eine mangelnde Work-Life-Balance durch die fehlende Abgrenzung von Privat- und Arbeitsleben. Da muss man den Mitarbeiter zum Teil auch vor sich selbst schützen. Zudem könnte eine Ausbreitung des „Home Office“ zu sozialen Problemen führen – etwa zur Isolation. Außerdem muss bei den flexiblen Arbeitsorten auch die Ergonomie gewährleistet sein. Diesem Risiko könnten Arbeitgeber mit entsprechenden zusätzlichen Geräten, etwa rückenschonenden Sitzmöbeln, entgegenwirken. Dazu gibt es aber leider noch keine Langzeitergebnisse, es fehlen uns schlicht und ergreifend noch Erfahrungswerte über mehrere Jahre.

Wearables, Schrittzähler und Co. sind aus dem BGM nicht mehr wegzudenken. Praktische kleine Dinger. Doch wie steht es mit den Daten, die diese Geräte abrufen und speichern? Sind die vor neugierigen Augen sicher?

Über Wearables und Co. können wir natürlich massenhaft Daten erheben, die zur Unterstützung der Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz eingesetzt werden können. Sobald diese Daten allerdings den persönlichen Bereich eines Menschen berühren, wird es schwierig. Solche Informationen können leicht missbraucht werden. Noch gibt es in Punkto Datensicherheit große Lücken, hier sind die Ideen noch nicht zu Ende gedacht.

Wie ist den Gefahren physischer und psychischer Art sowie der unsicheren Datenlage zu begegnen?

Da helfen meines Erachtens nur eine ausreichende Aufklärung und mehr Schulungen. Jeder einzelne Mitarbeiter muss achtsam sein und sich ständig weiterbilden. Außerdem müssen die digitalen Sicherheitsvorkehrungen verschärft werden. Hierzu werden aktuell alle Kräfte mobilisiert und in Sachen Datenschutz sowie Internet-Security stark aufgerüstet. Zahlreiche Projekte befassen sich explizit mit dieser Thematik.

In Punkto #Datensicherheit sind die Ideen noch nicht zu Ende gedacht - Katja Hedke. #Keynote #CHCD17 #datasecurity Klick um zu Tweeten

Kann die Digitalisierung tatsächlich dazu beitragen, die Gesundheit von Arbeitnehmern nachhaltig zu verbessern? Oder macht es die Menschen nur bequemer?

Wenn sie richtig eingesetzt wird, kann sie einiges bewirken! Technische Assistenzen können gerade in körperlicher Hinsicht zu massiven Erleichterungen im Arbeitsleben beitragen. Bestimmte gesundheitliche Beschwerden, wie Rückenprobleme durch schweres Heben, werden sicher abnehmen. Auch solche Arbeitsunfälle, die auf ‚menschliches Versagen‘ zurückzuführen sind, werden sich mit den digitalen Möglichkeiten verringern. Allerdings können all diese Hilfsmittel auch zu einer abnehmenden Achtsamkeit führen, etwa dazu, dass Gefahren wie das Gewicht eines Produktionsteils nicht mehr richtig wahrgenommen oder eingeschätzt werden.

Wie steht es um unsere Psyche. Können digitale Health Care Tools uns bei seelischen Problemen unterstützen – etwa mit Online-Sprechstunden?

Als Zusatzangebot kann ich mir so etwas durchaus vorstellen. Doch bei den meisten psychischen Erkrankungen geraten wir technisch an unsere Grenzen. In solchen Fällen sollte man sich nicht allzu stark auf die Technik verlassen und Faktoren wie die persönliche Beratung nicht vernachlässigen. Wo es psychisch ums Eingemachte geht, kommen wir um ein soziales Miteinander nicht drum herum. Pflegeroboter können zum Beispiel eine Erleichterung für Pflegeberufe bringen und die körperlichen Belastungen von Pflegekräften minimieren. Doch ein Plus für das seelische Wohlbefinden eines Patienten ist ein Roboter (noch) nicht – und schon gar kein Ersatz für die menschliche, emotionale Komponente eines „echten“ Pflegers.

Welche präventiven Maßnahmen kann ein Arbeitgeber denn veranlassen, um die Gesundheit seiner Belegschaft zu verbessern? Welche Rolle spielt die Führung bei diesem Wandel?

Hier ist die Unternehmenskultur das A und O. Die Führungsriege steht in der Verantwortung, den Belastungen der Mitarbeiter vorzubeugen. Sie müssen lernen, ihre Mitarbeiter aus einer anderen Perspektive zu sehen und auf sie zuzugehen. Gesundes Führen ist hierbei das Stichwort: Das heißt, Vorgesetzte müssen selbst ein Vorbild sein, sich mit der Gesundheit und dem Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz auseinandersetzen und dies explizit vorleben. Sie müssen ihren Beschäftigten ausreichend Wertschätzung entgegenbringen.

Katja Hedke: #Vorgesetzte müssen bei der #Prävention #Vorbilder sein. Stichwort 'Gesunde Führung'. #CHCD17 Klick um zu Tweeten

Sind dann nicht auch die Arbeitnehmer selbst gefordert?

Natürlich. Der Arbeitgeber kann alle möglichen Aktionen anbieten, wenn die Mitarbeiter nicht mitziehen, bringt das alles nichts. Die Mitarbeiter müssen sich für die Gesundheitsförderung öffnen und Angebote des Unternehmens auch wahrnehmen. Auf Dauer werden dann auch die Zufriedenheit, Motivation und Gesundheit der Belegschaft steigen. Doch der Weg dorthin ist steinig, da werden sicherlich noch einige Stolperfallen auf uns zukommen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Charlotte Lisador.


 

Zur Person:

Prävention 4.0: „Ein aussichtsreicher, aber steiniger Weg“

Katja Hedke. Foto: privat

Katja Hedke ist freiberufliche Sicherheitsingenieurin und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Verband für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz bei der Arbeit e.V. (VDSI). Nach ihrem Studium der Agrarwissenschaften war sie zunächst als technische Umweltberaterin, anschließend mit Qualifikation zur Sicherheitsingenieurin als externe Fachkraft für Arbeitssicherheit tätig. Seit drei Jahren ist die Sicherheitsexpertin selbständig tätig. Seit 2000 ist sie Mitglied im VDSI. Aktuell ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Verbandes im Projektteam „Prävention 4.0“ beschäftigt.

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2 Comments

  1. Mein Beitrag geschieht unter dem Blickwinkel KMU.
    Digitalisierung und Mobilität hat nur starke Auswirkung auf die Wertsichernden- den Verwaltern, und den Wertschaffende- den Managern.
    Die Wertschöpfenden – die Mitarbeiter aus Fertigung und Produktion, werden verstärkt gefragt sein und die Digitalisierung hat hier starke Auswirkungen auf Arbeitserleichterung und Arbeitsbeschleunigung. In der Führungsebene wird verstärkt auf dass Qualität- und Sicherheitsbewusstsein der Mitarbeiter geachtet werden. Wann bin ich bereit den Sicherheitsregeln entsprechend zu arbeiten. Nicht Wertschöpfende Arbeiten, aus dem Wertsichenden Bereichen,
    auf die Wertschöpfenden durch Digitalisierung zu verlagern, bringt dem Unternehmen Wertverluste.

  2. Die Digitalisierung wird erstaunlicherweise nach wie vor häufig als neues Phänomen betrachtet. Tatsächlich jedoch ist etwa die derzeit vielzitierte „Industrie 4.0“ nichts anderes als ein weiterer – wenn auch großer – Schritt auf einem seit weit über 20 Jahren begangenen Weg, dem Wandel von der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft zur Informationsgesellschaft.

    Es gibt daher auch durchaus schon beachtliche Vorerfahrung, die berechtigte Annahmen betreffend den Einfluss zukünftiger Entwicklungen in der Arbeitswelt auf die Gesundheit der Beschäftigten erlaubt. Daher teile ich absolut Ihre Einschätzung, dass die essenziellen Belastungen psychischer Natur sein werden. Kaum eine Erhebung der letzten Jahre zum Thema Arbeit und Gesundheit kommt ohne die Erkenntnisse aus, dass das Stressempfinden und/oder die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Leiden stark steigt. Immense betriebs- und volkswirtschaftliche Kosten sind die Folge.

    Das ist nicht überraschend, da Phänomene wie ständige Erreichbarkeit, schwindende Abgrenzung von Privat- und Arbeitsleben und steigender Termindruck zunehmend psychisch belastend wirken. Politik und Gesundheitsexperten stehen hier vor der Herkulesaufgabe, im Interesse aller Beteiligten den vielfältigen Nutzen, der mit dem Wandel zur Informationsgesellschaft einhergeht, zu fördern, gleichzeitig aber die schädlichen Konsequenzen zu minimieren. Dazu wird es unvermeidlich sein, dass zielgerichtete Maßnahmen des psychischen Gesundheitsschutzes zum selbstverständlichen Repertoire jedes verantwortungsvollen, zukunftsgerichteten Unternehmens gehören.

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