Ein Katzen-Café in Tschechien, ein Bootsrestaurant in Belgrad, ein Waschsalon in London, am Strand in Portugal oder auch in der Wüste von Marokko – überall dort habe ich im vergangenen Jahr gearbeitet. Als HR Business Partner bei Bosch bin ich Ende Mai 2016 als Digitale Nomadin auf eine Reise gestartet und habe in meinem bisherigen Tätigkeitsprofil „remote“ gearbeitet. Das hat einiges ins Rollen gebracht: Unter anderem habe ich in meinem anschließenden Sabbatical das Start-up „Remote Talents“ gegründet. Mein Ziel: Ich möchte eine digitale Arbeitskultur vorantreiben – auch in Deutschland.  

Nadja_Muetterlein

Foto: Nadja Mütterlein

Bei der Robert Bosch GmbH in Stuttgart-Feuerbach war ich Ansprechpartnerin für rund 550 Mitarbeiter aus dem technischen und kaufmännischen Bereich. Ich bewegte mich im kompletten Spektrum der HR-Arbeit – von Recruiting über die Personalentwicklung bis hin zu arbeitsrechtlichen Maßnahmen. Mir war es ein besonderes Anliegen, neue Modelle von Arbeit in Zeiten des digitalen Wandels zu entwickeln. Ein Ansatz waren die „HR Talks“, bei denen Führungskräfte Impulse zu aktuellen HR-Themen erhalten. Das kam an und ich hatte hierdurch ein größeres Budget für Initiativen rund um die „Generation Y“, zu der ich selbst gehöre.

Doch konnte das schon alles gewesen sein? Im Frühjahr 2016 bewarb ich mich bei einem „Remote-Programm“ und wurde angenommen. Zusammen mit 74 anderen Digitalen Nomaden sollte ich ein Jahr lang die Welt bereisen, monatlich das Land wechseln und dabei meiner bisherigen Arbeit nachgehen. „Working while travelling“ ist eine völlig neue Art des Arbeitens und Lebens, das in vielerlei Hinsicht den Wünschen der Gen Y entspricht.

„Working while travelling“ ist eine völlig neue Art des Arbeitens und Lebens #arbeiten40 #digitalnomads Klick um zu Tweeten

Alle bisherigen Face-to-Face-Meetings liefen via Skype und Handy. Parallel dazu hatte ich die Verantwortung für drei Praktikanten. Mein Arbeitgeber und vor allem auch HR hat sich damit ganz klar als Pionier positioniert: Mit meiner Teilnahme am Programm und damit diesem Pilotversuch hat sich der Personalbereich aktiv dem digitalen Wandel gestellt.

HR als Pioniere des digitalen Wandels

Und das brauchen wir aus meiner Sicht: Unternehmen, die Lust haben, Pionier einer neuen Arbeitskultur zu sein, die die Bereitschaft aufbringen, etwas völlig Neues auszuprobieren und ihren Mitarbeitern dabei vertrauen. Wir müssen aus der Routine ausbrechen, Neues wagen, Chancen nutzen und dem digitalen Wandel begegnen, wo es eben möglich ist. Gleichzeitig weiß ich aber auch, wie groß die Ängste in Unternehmen sind, sich solch neuen digitalen Arbeitsweisen zu stellen.

Wir brauchen Unternehmen, die Lust haben, Pionier einer neuen Arbeitskultur zu sein #arbeiten40 #digitalnomads Klick um zu Tweeten

Zusammenarbeit und Kommunikation funktioniert heute anders als noch vor einigen Jahren und wird immer digitaler. Die Technik für mobiles und digitales Arbeiten ist vorhanden, diese aber auch im betrieblichen Kontext im Sinne von Arbeit 4.0 voll auszuschöpfen, trauen sich derzeit nur die wenigsten Unternehmen. Es fehlt an Erfahrungswerten wie (Zusammen-)Arbeiten auf Distanz funktionieren kann und welche Benefits es sowohl auf Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmerseite mit sich bringt.

Coworking Space – schon mal gehört?

Nur ein Beispiel: Wie häufig höre ich von Unternehmen, vor allem von KMUs oder Firmen an weniger attraktiven Standorten, dass sie nicht genug High Potentials rekrutieren können. Remote Work kann derartige Engpässe deutlich abmildern, denn die Fachkräfte profitieren davon und empfinden den Arbeitgeber als deutlich attraktiver. Das gilt vor allem bei dem aktuellen Bedarf in Unternehmen: Die Mehrzahl der Arbeitgeber sucht ITler, deren Tätigkeiten sich leicht an jedem Ort der Welt ausüben lässt.  Echtes „Win-Win“ nenne ich das.

Zudem fehlen uns hier in Deutschland oft die Informationen, was sich so in der Welt tut und wie Fachleute in anderen Ländern mit bestimmten Themen umgehen. Viele Unternehmen haben keine Ahnung von Digitalem Nomadentum, von neuen innovativen Geschäftsideen und davon, was Digitalisierung eigentlich bedeuten kann. Nicht selten habe ich es erlebt, dass Arbeitgeber nicht einmal wissen, was ein Coworking-Space ist! Als Unternehmensvertreter müssen wir – und vor allem HR – Trends und aktuelle Entwicklungen kennen, uns damit auseinandersetzen und sie mitgestalten. Aber wie soll das gehen, wenn man so wenig davon mitbekommt?

Viele Unternehmen haben keine Ahnung von #digitalnomads #digitalisierung und innovativen Geschäftsideen Klick um zu Tweeten

Die größten Ängste der Unternehmen sind zumeist mit den Fragen „Wie kann Zusammenarbeit auf Distanz funktionieren?“, „Braucht mein Mitarbeiter nicht sein Team um sich herum?“ und „Wie kann ich meinen Mitarbeitern so viel Vertrauen entgegen bringen?“ verbunden. Antworten auf diese Fragen werden wir aber nur bekommen, wenn wir den ersten Schritt gehen und es einfach ausprobieren. Ich selbst habe den Pilotversuch gewagt und es hat wunderbar funktioniert: Ich konnte viele „Lessons Learned“ mitnehmen.

Remote Talents: Work-Life-Pleasure durch digitale Arbeitskultur 

Aus diesen Erfahrungen heraus habe ich das Start-up „Remote Talents“ entwickelt. Das Konzept: Eine Community von 50 Professionals aus unterschiedlichsten Firmen und Funktionen begibt sich gemeinsam auf eine Entdeckungsreise in eine neue digitale Arbeitskultur. Dabei bereisen sie in sechs Monaten sechs verschiedene Städte. Während unsere Talents reisen, arbeiten sie in ihren bisherigen Jobs. Ob Coworking Space, Café oder Park – jeder entscheidet selbst, wo er oder sie arbeiten möchte. Die Teilnehmer wechseln monatlich das Land, tauchen in neue Kulturen ein und vernetzen sich untereinander sowie mit der der lokalen Arbeitsszene.

Damit sich die Teilnehmer neben dem Arbeiten voll und ganz auf eine einzigartige Reise konzentrieren können, nehmen wir all die organisatorischen Dinge – wie Buchungen der Unterkünfte, der Transporte zwischen den einzelnen Stationen und der Arbeitsräume oder Coworking Spaces – ab. Wir organisieren regelmäßig Veranstaltungen wie Netzwerkevents, Community-Connects und Workshops und unterstützen zudem lokale soziale Projekte. Bei uns geht es um Austausch, gegenseitiges Lernen und aneinander wachsen. Durch die gemeinsame Reise schaffen wir somit eine Plattform für größtmögliche berufliche und persönliche Weiterentwicklung der Professionals.

Eine Community von 50 Professionals begibt sich gemeinsam auf eine Entdeckungsreise @remotetalents Klick um zu Tweeten

Für das erste Programm ist eine Tour durch Südostasien geplant, auf der die Teilnehmer unterschiedlichste Kulturen, Digitalisierungsmöglichkeiten sowie die digitalen Nomadenszene kennenlernen. Stationen sind Chiang Mai (Thailand), Kho Phangan (Thailand), Kuala Lumpur (Malaysia), Ubud (Bali), Saigon (Vietnam) und Taipei (Taiwan). Freiheit, Flexibilität und Selbstbestimmung sollten keine leeren Phrasen sein. Das meine ich mit neuen Arbeitsweisen und einer Erfahrung „out of the box“.


Über Nadja Mütterlein 

Nadja Mütterlein ist HR Business Partner bei Bosch, Digitale Nomadin und Gründerin von Remote Talents. 2016 gewann sie als Nachwuchspersonalerin den „HR Next Generation Award“. Bei Bosch befasst sie sich mit dem kompletten Spektrum der HR-Arbeit, initiiert Events rund um die „Generation Y“ und hat unter anderem eine Abteilung von zehn Mitarbeitern mitaufgebaut. Bereits während ihres Master-Studiums schnupperte sie als „PreMasterin“, Praktikantin und Werksstudentin ins Personalmanagement von Bosch. Ihr Bachelor-Studium absolvierte Mütterlein zuvor in einem Dualen Studiengang der DHBW Stuttgart in Kooperation mit der Siemens AG in Stuttgart, Erlangen und Peking.

Veranstaltungshinweise: 

Eröffnungsdiskussion der Messe PERSONAL2017 Nord: „Mobile Mindset: Digitale Arbeitskultur leben!“
Dienstag, 25. April, 9.30 bis 10.45 UhrNeben Nadja Mütterlein diskutieren Prof. Dr. Jochen Prümper, Professor an der HTW Berlin und Wissenschaftlicher Leiter der neuen Studie „Mobile Work 2017“ sowie Markus Köhler, Personalchef von Microsoft Deutschland. 

Vortrag von Nadja Mütterlein: „Pionierarbeit: Digitale Arbeitskultur durch remote work (er)leben“
Mittwoch, 26. April, 14 bis 14.45 Uhr

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