Zukunft Personal | HRM Expo BLOG

Der offizielle Blog von Europas größter Fachmesse für Personalmanagement

Gesundheit 4.0: „Die Zukunft des BGM ist smart“

BGM 4.0: Die Zukunft des Gesundheitsmanagements ist smart

Foto: stocksnap.io

„Das klassische BGM ist tot!“ – Hinter dieser umstrittenen Aussage steckt Prof. Dr. Volker Nürnberg, Leiter der Beratungseinheit Health Management bei Mercer Deutschland und Professor im Privatdienst. Nicht, dass er alle klassischen Angebote rigoros ablehnt. Er ist lediglich der Ansicht, dass Unternehmen nur mit Hilfe webbasierter BGM-Tools die Höchstzahl an Beschäftigten zu einer gesünderen Lebensweise motivieren können. Welche Qualitätsmerkmale digitale BGM-Lösungen vorweisen sollten, erläutert er am 10. Mai in seinem „Meet the Expert“-Vortrag auf der Corporate Health Convention 2017 in den Stuttgarter Messehallen. In unserem Interview gibt er bereits im Voraus eine Prognose für das Gesundheitsmanagement der Zukunft ab.

Herr Prof. Dr. Nürnberg, Sie sind der Auffassung, klassische Gesundheitsförderung sei ein „Dead End“. Was führt Sie zu der Annahme?

Zunächst einmal bieten höchstens 50 Prozent aller Unternehmen in Deutschland klassisches Betriebliches Gesundheitsmanagement an. Diese Maßnahmen erreichen bisher aber nur zehn bis zwanzig Prozent der Belegschaft. Der Haken dabei ist, dass diese in der Regel schon zu den Gesunden zählen. Im Klartext heißt das: Aktuell macht das klassische BGM die Gesunden nur noch gesünder. Die Mitarbeiter mit Risikofaktoren oder die richtig Kranken konnten klassische Maßnahmen bisher nicht oder nur selten erreichen. Deshalb brauchen wir hier Innovation!

#Innovation notwendig: Klassisches #BGM macht die Gesunden nur gesünder. #digitalhealth #CHCD17 Klick um zu Tweeten

Die Gesundheit ist doch unser höchstes Gut. Wieso erreichen so viele wohl intendierte Maßnahmen nur so wenige Menschen?

Weil die entsprechenden Zielgruppen meist nicht mit passenden Maßnahmen angesprochen werden. Hier sind neue moderne Ansprachen gefordert, die in erster Linie motivieren und im zweiten Schritt dann eine nachhaltige Verhaltensänderung bewirken sollen. In dem einen Unternehmen können klassische Maßnahmen prima funktionieren, in einem anderen dagegen vielleicht nicht, weil es einer anderen Branche angehört oder eine andere Sozialstruktur aufweist. Grundsätzlich ist Gesundheit eine gemeinsame Aufgabe von Unternehmen und Belegschaft; beide zusammenzubringen ist hier die große Kunst.

Haben klassische BGM-Tools zu Zeiten der Digitalisierung gar keine Daseinsberechtigung mehr?

Es ist eine Frage der geschickten Kombination: Wir erreichen mit webbasierten Tools einfach andere Gruppen als bisher. Am intelligentesten ist es also immer, die Angebote mit einander zu vernetzen. So existieren bereits Online-Tools, die mit analogen Maßnahmen interagieren und umgekehrt. Die Zukunft des Gesundheitsmanagements liegt in solchen smarten Produkten. Wenn sie gut aufgemacht sind, können sie bis zu 80 Prozent der Mitarbeiter erreichen.

Digitales oder analoges #BGM? Die geschickte Kombination machts! #CHCD17 #MeetTheExpert #Digitalisierung Klick um zu Tweeten

Welche webbasierten Angebote sind denn Ihrer Ansicht nach wirklich nützlich und nachhaltig? Mit welchen Methoden könnten Unternehmen auch die bewegungsfaulsten Mitarbeiter motivieren?

 Da wären zum Beispiel Apps, die klassische Maßnahmen, wie Trainings- oder Beratungseinheiten mit Coaches, Therapeuten und Co. digital abbilden – etwa eine Sprechstunde via Skype oder ein siebenminütiges Kraft-/Ausdauertraining mit Instruktionen eines virtuellen Trainers. Dann gibt es wiederum Tools, die spielerisch an die Motivation der Nutzer herangehen – Gamification ist hier das Stichwort, ein Trend aus den USA. Auch Wettbewerbselemente wie Schrittzähl-Challenges steigern die Motivation vieler User. Gerade wir Männer messen uns ja gerne und brauchen Zahlen zur Bestätigung. Das wirkt und ist auch ein sehr guter Weg, um Gruppendynamik zu schaffen. Denn viele schaffen es nicht alleine, sich aufzurappeln – in einem Gruppensetting dann schon eher.

Gibt es schon konkrete Kennzahlen zur Nachhaltigkeit und Effizienz des digitalen BGM?

An der TU München haben wir schon einige Programme untersucht: Mit webbasierten Tools werden grundsätzlich genauso viele Menschen erreicht wie mit klassischen, analogen Maßnahmen. Es werden eben andere Zielgruppen angesprochen, zum Beispiel „Mental Worker“, die generell schon digital affin sind. Digitale Tools sind vor allem bei stark filialisierten Unternehmen erfolgreich: Bei Einzelhandelsunternehmen mit 3000 Filialen kann man zum Beispiel nicht in jedem Geschäft vor Ort BGM anbieten. Da macht eine virtuelle Lösung durchaus Sinn.

Wer die App-Stores der verschiedenen Smartphone-Hersteller genauer betrachtet, stellt fest: Es gibt tausende digitale Gesundheitsprogramme. Aber wie gut sind die?

 Es gibt tatsächlich unzählige Gesundheits-Apps im deutschsprachigen Raum. Leider sind mindestens 80 Prozent davon Schrott! Programme, die diese sogenannte „Trash-Quote“ bedienen, basieren nur auf Algorithmen eines PCs und sind nicht individuell auf den Nutzer oder die Zielgruppe zugeschnitten. Das bedeutet für mich: Nur die intelligenten webbasierten Lösungen werden sich dauerhaft und nachhaltig durchsetzen. Vorzuziehen sind intelligente Programme, bei denen reale Therapeuten, Ärzte und Sportwissenschaftler ihren Teil beitragen.

BGM 4.0: Die Zukunft des Gesundheitsmanagements ist smart

Foto: stocksnap.io

Bei all den schönen neuen Möglichkeiten, die uns die Technik heute bietet; in Sachen Datensicherheit können webbasierte BGM-Methoden aber noch nicht ganz überzeugen. Haben Sie da einen Lösungsansatz?

Die Ein- und Hochhaltung des Datenschutzes gehört für mich zu den wichtigsten Aspekten bei der Bewertung von digitalen Tools. Da sind wir Deutschen ja sehr sensibel. Bei den sehr guten Anbietern werden die medizinischen Daten – etwa Bewegungsdaten, gegebenenfalls aber auch Protokolle aus Arztgesprächen, die dokumentiert werden – von den persönlichen Daten getrennt und auf unterschiedlichen, gut gesicherten Servern abgelegt. Falls es da also zu einer Cyberattacke käme, könnte der Hacker nur auf einen der beiden Orte zugreifen. Glücklicherweise gibt es einige Anbieter, die das schon ganz ordentlich erfüllen.

Welche Qualitätskriterien müssen denn bei der Implementierung digitaler BGM-Tools noch eingehalten werden?

 Hinter nachhaltigen und effektiven webbasierten BGM-Tools sollten wie schon angemerkt stets auch reale Therapeuten stecken. Auch der Austausch mit anderen Usern, zum Beispiel via Chatroom oder WhatsApp, sollte möglich sein. Darüber hinaus ist wichtig, dass die Apps immer wieder aktualisiert werden und nicht statisch wirken. Bei der anhaltenden Migration sollten auch mehrsprachige Versionen angeboten werden, zumindest eine in englischer Sprache. Die Tools sollten im besten Fall 24 Stunden am Tag nutzbar sein, sodass jeder die Angebote entsprechend seines individuellen Biorhythmus nutzen kann. Auch spielerische Elemente sollten eingebunden werden, etwa ein Quiz, bei dem Nutzer ihr Wissen testen können.

#BGM-Experte Volker Nürnberg: Spielerische Elemente steigern die #Motivation. #Gamification #CHCD17 Klick um zu Tweeten

Was ist eigentlich mit kleinen und mittelständischen Betrieben, die nicht über eine Heerschar an Gesundheits-Managern verfügen. Können die sich BGM überhaupt leisten?

Webbasierte BGM-Tools sind gerade in solchen Fällen die charmantesten und preiswertesten Lösungen. Dabei muss zum Beispiel kein Therapeut oder Trainer vor Ort sein, was Kosten massiv eindampft. Eine zentrale, elektronische Lösung kostet in der Regel nur wenige Euro pro Mitarbeiter pro Monat und bietet sich gerade zum Einstieg für KMU sehr gut an. In der Masse sind die kleinen und mittelständigen Unternehmen in Sachen BGM allerdings eher noch außen vor, da sich die Umsetzung doch zugegebener Maßen noch etwas schwierig gestaltet.

Wie könnte man denn die kleinen Firmen noch mehr am BGM teilhaben lassen?

Zur Unterstützung der Gesundheitsförderung wurde ja im letzten Jahr das Präventionsgesetz eingeführt. Das heißt, die Krankenkassen haben für die Prävention relativ viele Gelder zur Verfügung, gerade um KMU zu unterstützen. Dann liegt es in der Hand der Firmen, sich an ihre Kassen zu wenden, sich zu informieren und um Unterstützung zu bitten. Letztendlich müssten die „Kleinen“ wissen, dass sie im Kampf um die besten Fachkräfte keine Chancen gegen große Unternehmen haben werden, wenn sie nicht bestimmte Differenzierungsmerkmale vorweisen können – zum Beispiel ein ausgeklügeltes Gesundheitsmanagement. Das steigert die Arbeitgeberattraktivität erheblich.

Mit webbasierten Tools kann #BGM auch günstig sein: Im #warfortalents besonders wichtig für #KMU! #CHCD17 Klick um zu Tweeten

Wie schlägt sich Deutschland denn BGM-technisch im internationalen Vergleich?

Deutschland bewegt sich da eher im Mittelfeld. Die USA beispielsweise liegen deutlich weiter vorn: Da viele Beschäftigte nicht krankenversichert sind und die Unternehmen zum großen Teil die Krankheitskosten ihrer Mitarbeiter tragen, haben diese ein hochgradiges Interesse daran, dass ihre Belegschaft gesund ist und es auch bleibt. Außerdem ist das Datenschutzlevel ziemlich niedrig, was bei uns glücklicherweise nicht gegeben ist, aber im Gegenzug auch mehr Spielraum für BGM-Angebote zulässt. Auch die skandinavischen Länder sind BGM-technisch schon weiter. Aber dort sind die sozialen Themen generell schon deutlich besser abgedeckt als bei uns.

Wo sehen Sie das Betriebliche Gesundheitsmanagement in 20 Jahren?

Ich glaube, das Gesundheitsthema wird immer mehr an Bedeutung gewinnen, gerade über den demografischen Faktor. Arbeitgeber müssen sich künftig besonders um die wenigen Arbeitnehmer bemühen, die noch da sind – denn auf zwei Deutsche kommen tendenziell nur noch 1,4 Deutsche nach. Zudem muss es gelingen, Mitarbeiter bis ins Rentenalter, das ja aktuell stark in Richtung 70 tendiert, arbeitsfähig zu halten. Das ist natürlich eine Frage des Gesundheitsmanagements. Ich sehe das Ganze aber sehr optimistisch und bin überzeugt: Wenn wir uns in 20 Jahren wieder unterhalten, werden wir eine positivere Bilanz ziehen.

Vielen Dank für das Gespräch, wir hören uns dann im Jahr 2037 wieder.

Das Interview führte Charlotte Lisador.


Zur Person:

BGM 4.0: Die Zukunft des Gesundheitsmanagements ist smart

Foto: Mercer.

Prof. Dr. Volker Nürnberg erhielt bereits während seines Zivildienstes in einem Krankenhaus  erste Einblicke ins Gesundheitswesen. Dem Studium und Postgraduiertenstudium mit wirtschaftswissenschaftlichem Hauptfach folgte die erste berufliche Station im Beratungsumfeld der Bahn. Seit 2001 ist er im Topmanagement im Gesundheitswesen tätig: zunächst als Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft der AOK und von 2004 bis 2011 ebenfalls als Geschäftsführer einer Krankenkassen–Gesellschaft. Seit 2011 lehrt er BWL mit Schwerpunkt Betriebliches Gesundheitsmanagement an der Hochschule für angewandtes Management in Erding. Bei der Mercer Deutschland GmbH leitet er die Beratungseinheit Health Management. Zu seinen Tätigkeits- und Forschungsschwerpunkten gehören Gesundheitsökonomische Fragestellungen sowie insbesondere webbasiertes betriebliches Gesundheitsmanagement.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on LinkedInShare on Google+Email this to someone

1 Comment

  1. Den Aussagen von Prof. Nürnberg kann ich als Sporttherapeut und zertifizierter Online-Gesundheitscoach voll und ganz zustimmen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*