Zukunft Personal | HRM Expo BLOG

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Der Anti-Berater: Unternehmen zum Denken bringen – ergebnisoffen, experimentell, Tabus brechend

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Foto: Sven Franke auf einem Podium der Messe PERSONAL – © Jack Tillmanns

Sven Franke von AUGENHÖHEworks und CO:X im Porträt

Ein Podium mit Sven Franke auf unseren Messen Zukunft Personal oder PERSONAL ist immer für eine Überraschung gut. Und das liegt nicht nur an den spannenden Gästen, den Unternehmensvertretern, die er aus seinem Netzwerk mitbringt. Doch was ist eigentlich das Besondere an seiner Arbeit? Vielleicht, dass er eine klare Mission verfolgt: Er möchte nicht weniger, als gedankliche Mauern einreißen und so die Arbeits- und Bildungswelt verändern. Aktuell ist er für den New Work Award nominiert. Und auch hier zeigt er, dass er einfach etwas anders tickt…


Er hatte seinen 40. Geburtstag hinter sich, leitete ein Team von 25 Leuten innerhalb eines Konzerns und war damit sehr erfolgreich. Die Geschäftsführer waren genauso alt wie er, doch er lebte zunehmend in einer anderen Gedankenwelt. „Eines Tages sollte ich zum Beispiel denjenigen aus dem Team anschwärzen, der einen einmaligen Fehler gemacht hatte. Da kam ich ins Grübeln: Wollte ich das die nächsten 25 Jahre machen?“ Eine halbjährige Auszeit, ein Buch und viele Gedanken später war ihm klar, dass es ihm erst einmal reicht, wenn der Kühlschrank voll und die Miete bezahlt ist. Er wagte den Sprung in die Selbstständigkeit.

Heute kann er manchmal selbst kaum glauben, was seither alles passiert ist. Bekannt ist Sven Franke vor allem als Mitinitiator des Filmprojekts AUGENHÖHE: Zusammen mit einigen Gleichgesinnten hat er bislang drei Filme umgesetzt. Darin kommen Unternehmen zu Wort, die schon irgendwie anders arbeiten. Die 45-minütigen Streifen stellt das Team von AUGENHÖHEworks für nicht-kommerzielle Zwecke kostenfrei zur Verfügung – mit dem Aufruf, Film-Dialog-Veranstaltungen zu machen und das Gesehene zu diskutieren. „Wir sind inzwischen bei über 500 solcher Veranstaltungen“, berichtet Sven Franke (siehe dazu z.B. unsere Interviews mit: „Für Augenhöhe gibt es keine Blaupausen“ und „Mehr Demokratie in Unternehmen“).

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Foto: Sven Franke mit Markus Stelzmann und Oliver Groß in Stuttgart © Jack Tillmanns

Aber auch an vielen anderen Fronten ist er ein Vorkämpfer. Während er sich mit „Augenhöhe macht Schule“ für eine neue Form der Wissensaneignung und Kompetenzentwicklung stark macht, gibt er als Gründer von CO:X Denkanstöße in verschiedenen Organisationen, die für eine andere Form der Zusammenarbeit aufgeschlossen sind. Dass dies mit einem klassischen Beraterjob nicht viel zu tun hat, sieht man auch an seinem wenig stromlinienförmigen Outfit. Sein Markenzeichen ist ein Schnurrbart, der in Zeiten der Hipster-Bärte erfrischend individuell daherkommt. Meist trägt er Pulli und Jeans, dazu hat er einen Outdoor-Rucksack im Gepäck – egal, ob er auf Veranstaltungen auftritt oder einen Termin bei Vorständen hat. „Ich möchte zeigen: Ihr arbeitet ja nicht mit mir wegen eines Anzugs. Schon da möchte ich polarisieren“, sagt Sven.

Offensichtlich wird dieses Zeichen auch verstanden. Denn Anfragen erhält der umtriebige Freigeist vor allem von denjenigen, „die es gerafft haben“: Organisationen, die merken, dass sie heute vielleicht noch erfolgreich sind, aber oft schon zu langsam auf Entwicklungen reagieren. Kickertisch, schickes Büro oder sogar ein Feelgoodmanager? „Das ist Bullshit und das wissen auch die meisten Firmen.“

#NewWork Kickertisch, schickes Büro oder sogar ein Feelgoodmanager? Das ist Bullshit @svenfranke @coplusx Klick um zu Tweeten

Doch worum geht es dann bei der Art von New Work, wie sie Sven Franke versteht? „Ich stelle eigentlich nur Fragen. Und wir sagen das, was die Organisationen sich nicht auszusprechen trauen“, erklärt er die Methode von CO:X, seiner Firma, die er gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Nadine Nobile gegründet hat. Kürzlich war CO:X in einer mittelgroßen Versicherung mit drei Standorten. Ein Standort läuft aus. Das schreibt sich der Betriebsrat zumindest auf die Fahnen. Der wird nicht geschlossen! Wenn eine Stelle wegfällt und ein Mitarbeiter geht, wird an einem anderen Standort nachbesetzt. „Wir haben in einem Meeting, bei dem auch ein Vorstand dabei war, gesagt, dass hat ja irgendwie was von einem Hospiz. Dann war die erste Reaktion: Nee, so können Sie das nicht sehen! 20 Minuten später sagte der Vorstand, wir sollten das vielleicht mal im Vorstandskreis besprechen. Drei Wochen danach waren wir wieder da und alle sprachen von Sterbehaus.“ Das eigentliche Problem sei ja, dass manche Mitarbeiter die Situation frustriere. „Es gibt so viele Dinge in Organisationen, die niederschwellig hin und her wabern und nichts passiert. Man kann erst überlegen, wie man damit umgeht, wenn das Thema wirklich im Raum ist.“

#NewWork Viele Dinge in Organisationen wabern niederschwellig dahin und nichts passiert @svenfranke Klick um zu Tweeten

Von einer klassischen Beratung unterscheidet sich CO:X noch durch einen anderen wichtigen Aspekt: „Wir sagen: Kunden, entscheidet Euch zwischen macht Ihr es alleine oder macht Ihr es selbst. Das ist Eure Kultur.“ Als Prozessbegleiter sind Sven, Nadine oder Kollegen aus ihrem Netzwerk nicht fünf Tage die Woche da, um den Prozess voranzutreiben. Etwa einmal im Monat kommen sie ins Haus, zur gemeinsamen Reflexion. „Wir fühlen uns dann zwar auch als Projektmitglied, nehmen Aufträge mit und recherchieren mal was. Wir bringen unser Know-how mit, aber der Prozess gehört immer noch dem Unternehmen.“ Angebote schreibt CO:X kaum noch, und wenn, sind sie meist eh nur dazu da, um über den Haufen geworfen zu werden. „Sobald wir da sind, merkt das Unternehmen oft erst, wo es brennt und was es braucht. Wir generieren den Auftrag durch aktives Zuhören.“

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Foto: Sven Franke mit Andreas Kämmer und Achim Hensen in Hamburg – © Jack Tillmanns

Und wo drückt in den meisten Unternehmen der Schuh? Viele Organisationen fragen sich derzeit, ob sie mit ihren bisherigen Hierarchieebenen der Schnelligkeit am Markt gerecht werden. Doch sie haben oft noch keine Lösung für den damit einhergehenden Machtverlust. „Wenn Daimler sagt, wir wollen nur noch Entscheidungen über zwei bis drei Hierarchiestufen treffen, heißt das ja, dass maximal noch ein Bereichsleiter eine Entscheidung trifft, die für den Markt relevant ist. Denn wichtige Fragen der Organisation entstehen an der Schwelle zum Markt und zum Kunden – also auf Sachbearbeiter-Ebene“, ist Sven überzeugt. Doch was geschieht dann mit dem ganzen Wasserkopf, der nur noch Entscheidungen trifft, um sich mit sich selbst zu beschäftigen?

#Hierarchieabbau #Machverlust Was passiert mit Managern, die dann keiner mehr braucht? @svenfranke Klick um zu Tweeten

Der AUGENHÖHE-Mitinitiator sieht gerade bei Banken und Versicherungen das Problem in den „Karrierewegen“. Den Unternehmen in der Branche werde gerade bewusst, dass sie die letzten Jahre völlig falsche Anreize gesetzt haben. „Ein guter Spezialist wird Führungskraft und macht dann Karriere. Das heißt, wer 20 Jahre Spezialist ist, kann nicht gut sein, sonst wäre er Führungskraft geworden. Das ist implizit“, so der CO:X-Gründer. Doch die Frage „Ihre guten Leute sind doch Führungskräfte geworden?“ bringe so manchen ins Grübeln. Dass ein guter Spezialist nicht unbedingt etwas mit Menschenführung zu tun haben muss – diese Erkenntnis hat sich offensichtlich doch schon herumgesprochen. Gleichzeitig stünde man bei Hierarchieabbau vor der Herausforderung, wie man den Mitarbeitern Wertschätzung entgegenbringt. Plötzlich gilt es ganz neu zu denken, für Organisationen und vielleicht auch für die Beschäftigten.


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© Jack Tillmanns

 VERANSTALTUNGSTIPP: Fishbowl mit Sven Franke auf der PERSONAL2017 Nord 

Können Organisationen virtuell zusammenarbeiten und dabei erfolgreich sein? Welche Rahmenbedingungen sind dafür erforderlich? Welche Erwartungen stellt diese Form der Zusammenarbeit an jedes Organisationsmitglied? Diese, aber auch Ihre eigenen Fragen können Sie mit Sven Franke (CO:X) und seinem Gast Uwe Lübbermann (Premium Cola) diskutieren. In dem Fishbowl kommt es vor allem auf Ihren Beitrag an: Werden sie selbst zum Akteur von New Work!

Mittwoch, 26.04.2017, 12:30 – 13:45 Uhr,
Hamburg Messe und Congress


Eine große Baustelle hat Sven Franke zudem mit dem Thema „Mitbestimmung Plus“ identifiziert, das er gerade bei einem großen Mobilitätsdienstleister begleitet. Dabei geht es darum, wie Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter anders miteinander zusammenarbeiten. Dass Unternehmen innovationsfähiger und schneller werden müssen, sieht sowohl die Arbeitnehmer- als auch die Arbeitgeberseite ein. Doch die Fronten sind oft verhärtet: Während die Arbeitgeber ein frühes Veto des Betriebsrats fürchten und ihn deshalb oft erst ziemlich spät einbinden, bemängelt die Gewerkschaftsseite, dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Doch will der Betriebsrat früher eingebunden werden? „Gerade wenn Personalabbau im Raum steht, befürchten viele den Vorwurf von Co-Management und sagen, nein danke, dafür sind doch die Manager da, die werden dafür bezahlt.“

Dieses Spiel könne nicht ewig so weitergehen. Beiden Seiten sei klar, dass es oft keine Planungssicherheit mehr gebe. „Das Unternehmen ist ein Rafting-Boot und keiner, der im Boot sitzt, weiß, was nach der nächsten Welle oder der nächsten Kurve kommt. Aber eines ist sicher: Sobald einer da im Boot seinen Job nicht macht, kippt es um“, sagt Sven. Seine Aufgabe sieht er darin, Unternehmen dazu zu bringen, Experimente zu starten, sodass ein anderer Erfahrungsschatz entsteht und bisherige Spielregeln durchbrochen werden. „Offenheit hilft. Man kann sagen: Wir sind hier in einer Think-Tank-Phase und Ihr könnt mitdenken. Das verlangt zunächst von der Arbeitgeberseite, die Tür aufzustoßen und Mitarbeit anzubieten.“ Ein Konzern habe den Vorteil, dass es immer mal wieder einen Betriebsrat gebe, der aufgeschlossen sei. Mit solchen Freiwilligen müsse man starten, mit Leuten, die skeptisch sind, aber sich das grundsätzlich vorstellen können. Dann gelte es ständig zu prüfen, ob das Experiment eine Chance zu überleben habe und sich verbreiten könne.“ Für viele Organisationen ist es der Horror, dass das auch nicht erfolgreich sein kann. Sie möchten sich irgendwie absichern. Da trennt sich die Spreu vom Weizen.“ Organisationen müssten viel Mut zu Kulturveränderungen haben und da schließt sich für Sven der Kreis: „Das geht nur von innen, das kann kein Berater. Spätestens wenn er weg ist, hat sich das erledigt.“

Auf dem Weg nach #NewWork - Experimente starten und neue Spielregeln finden @coplusx Klick um zu Tweeten

Ist Sven Franke also so eine Art Anti-Berater? Diese Vermutung drängt sich auch bei seiner Nominierung für den New Work Award auf. Da fragt sich einer: „Worum geht es eigentlich, dass ich hier den New Work Award gewinne?“ Naja, sicher würde er nicht nein sagen. Aber Sven versucht mehr herauszuholen: „New Worker sollten nicht in Konkurrenz gehen, sondern in Kooperation.“ Deshalb hat CO:X alle Nominierten, sowohl die Unternehmen als auch die Einzelpersonen, angeschrieben und ihnen drei Fragen gestellt. Etwa so: „Was ist Deine Vision von New Work? Wie versuchst Du, dieser Vision näher zu kommen? Und was rätst Du Menschen, die den ersten Schritt gehen wollen?“ Dadurch hat er mal wieder eine kleine Welle ausgelöst: Ein Nominierter möchte Zitate veröffentlichen, ein anderer schlägt ein gemeinsames Treffen vor, ein Dritter sagt: „Krass, das ist New Work.“

Wer sich über die Nominierten informieren will, findet hier Informationen, die über die Kurzbeschreibung von Xing hinausgehen: https://www.coplusx.de/impulsgeber/new-work-award/. Die Abstimmung ist noch bis 9. März möglich!

 

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3 Comments

  1. Danke für diesen Beitrag, der gleich aus drei Perspektiven Hoffnung gibt.
    Zum einen, weil es zeigt wie neues Arbeiten funktioniert, nämlich indem man offen zeigt und teilt, wie man vorgeht und welche Erafhrungen man dabei macht,
    zum zweiten weil es zeigt, dass es, nicht nur in Sven, Beraterkollegen gibt, die, wie ich, auf einem neuen Weg Unternehmen bedarfsgerecht / organistaionsindividuell unterstützen können/wollen/sollen
    zum dritten, weil die Offenhiet wächst sich mit solchen „andersartigen“ Ansätzen in großen und kleineren Unternehmen bewusst und ganz konkret auseinanderzusetzen.
    Ich bin gespannt wie bald die Nische „anders zusammenarbeiten“ (aka „new work“) den Tipping Point erreicht, den Nimbus einer kurzfristigen Mode überwindet und sich die Erkenntnis durchsetzt, dass dieser Weg sozialen und ökonomischen Erfolg aus (genial einfache) Art verbindet.

  2. danke für so viel klarheit! gut so!

  3. Und wer sich noch mehr für die Themen interessiert und persönlich mit Gleichgesinnten und New-Work-Neugierigen Ideen entwickeln möchte, für die das Stichwort „Augenhöhe“ steht, sei auf das anstehende AUGENHÖHEcamp in Düsseldorf am 20. Mai 2017 und weitere an anderen Orten hingewiesen!

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