„Auf Stufe eins mit Potenzial nach oben“: Digitales BGM in Deutschland

Foto: StockSnap.io

Interview mit Prof. Dr. David Matusiewicz.

Alternde Belegschaften, demografischer Wandel, Globalisierung und die digitale Revolution: Mit diesen Herausforderungen sieht sich die Arbeitswelt 4.0 aktuell konfrontiert. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern auch digitale Produkte zur Bewältigung gesundheitlicher Probleme beitragen könnten. Weltweit betreten einige Unternehmen schon heute neue, webbasierte Wege, um die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter zu optimieren.  In welchem Stadium sich das digitale BGM aktuell in Deutschland befindet, haben Prof. Dr. David Matusiewicz und Linda Kaiser von der FOM Hochschule für Ökonomie & Management in ihrem Buchprojekt „Digitales Betriebliches Gesundheitsmanagement“ gemeinsam mit Autoren aus Wissenschaft und Praxis analysiert. Auf der Corporate Health Convention 2017 präsentiert Prof. Matusiewicz das Sammelwerk im Rahmen des interaktiven Programmformats „Meet the Author“. Erste Erkenntnisse gibt er bereits vorab exklusiv bei uns im Interview preis.


Mit Ihrem neuen Buchprojekt „Digitales Betriebliches Gesundheitsmanagement“ möchten Sie eine erste Definition und Systematisierung des Begriffs vornehmen. Ist das bei einem so vielschichtigen Thema überhaupt möglich?

Das ist ein guter Punkt. Das wird in Wissenschaft und Praxis durchaus kritisch diskutiert: Eine Definition des digitalen BGM ist grundsätzlich schwierig, weil uns sogar beim klassischen analogen BGM Aspekte wie die Evaluation noch vor große Herausforderungen stellen. Somit ist es erst recht schwierig, wenn wir mit der digitalen Komponente noch eine Ebene weitergehen. Auf aussagekräftige empirische Ergebnisse arbeiten wir noch hin. Ziel des Buches ist es zunächst, einen ersten Überblick zu erhalten und eine Art Kommunikationsplattform zu schaffen. Denn in Sachen digitales BGM tut sich aktuell unheimlich viel, doch was der Markt zurzeit alles bietet, überblickt noch keiner so recht. Das Sammelwerk ist eine Art erste Übersichtsarbeit à la „wer tut was“ – Start-ups, Krankenkassen, Konzerne, KMU und Co. Es soll der Vereinheitlichung sowie als Diskussionsgrundlage dienen und in einer zweiten, dritten Auflage in Richtung Evaluation feinjustiert werden.

Wie kommt es eigentlich, das BGM auf einmal auch im Arbeitsmarkt so ein großes Thema ist?

 Das liegt einerseits am Fachkräftemangel, gerade in den Ingenieurs- und IT-Berufen, und andererseits an den Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Arbeitswelt. Unternehmen haben immer weniger Fachkräfte zur Verfügung, das bekommen sie schon heute zu spüren. Mitarbeiterbindung und Mitarbeitergewinnung werden also immer wichtiger; Gesundheit ist der Wettbewerbsfaktor schlechthin. Hinzu kommt, dass unser Rentenalter stetig ansteigt und Menschen bis ins hohe Alter arbeiten werden. Unternehmen müssen also in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter investieren, um sie so lange wie möglich arbeitsfähig und im Unternehmen zu halten.

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BGM ist also ein großes Thema im Arbeitsmarkt. Aber ist es auch schon in der Praxis angekommen?

 Wir haben anlässlich unserer aktuellsten Studie über 300 Arbeitgeber und Experten gefragt, wie stark BGM in den Unternehmen bereits etabliert ist und wie die Befragten das Potenzial digitaler Maßnahmen einschätzen. Dabei kam heraus, dass bisher nur die wenigsten Unternehmen überhaupt richtiges BGM betreiben. 72 Prozent haben sich noch nicht näher mit der Thematik auseinandergesetzt. Andererseits sind 80 Prozent überzeugt, dass dem digitalen BGM die Zukunft gehört. Es herrscht eine gewisse Aufbruchsstimmung.

Wenn es für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen so wichtig ist, seine Mitarbeiter gesund zu halten: Warum investieren sie dann nur so sporadisch in die Gesundheit ihrer Leute?

 Ich glaube, BGM ist zum Teil auch ein punktuell verbranntes Thema in den Unternehmen. Größere Firmen haben Maßnahmen zum Teil bereits x-mal angesetzt, allerdings unkoordiniert und nur mit mäßigem Erfolg. Zudem gibt es unter den BGM-Beratern leider auch sehr viele schwarze Schafe, die mit Halbwissen ein schönes Geschäftsmodell und eine gute Einnahmequelle generieren. BGM besteht da hauptsächlich aus unkoordinierten Einzelmaßnahmen mit Strohfeuereffekt. Zum anderen leidet es oft unter dem Motto: „Ganz nett, hat aber keine Priorität.“ Wenn viel Geld da ist und es gut läuft, sagen sich viele Firmen: „Passt ja alles, da müssen wir für die Mitarbeiter nichts mehr tun“. Wenn es nicht so gut läuft und weniger Geld da ist, ist BGM eine der ersten Maßnahmen, die wieder eingestampft wird. Es hat ja keinen direkten Einfluss auf die Verkaufszahlen und da für die meisten Unternehmen nur kurzfristige Erfolgszahlen zählen und sich der Nutzen erst einige Zeit später einstellt, verschwinden solche Projekte leider schnell wieder in der Versenkung.

 Welche Chancen ergeben sich denn für Unternehmen und Arbeitnehmer, die digitale BGM-Tools nutzen? In welchen Produkten sehen Sie das größte Potenzial?

Mit unserem Fachbuch haben wir den Versuch einer Systematisierung gewagt: Das fängt an mit Apps, Gamification, Schritte-Wettbewerben und Co.: Allesamt Einzellösungen, die schnell und unkompliziert etabliert werden können. Dann gibt es bereits Komplettlösungen am Markt, sogenannte Management-Cockpits. Hier werden BGM-Einzelmaßnahmen, wie gemeinsam Laufen gehen, gebündelt.

Die Geschäftsführung oder das Gesundheitsmanagement hat somit eine Übersicht über die verschiedenen Aktionen und darüber, wann gewisse Etappen, etwa Gesundheits- oder Fluktuationsziele, erreicht wurden. Schließlich haben wir noch die EAP – Employee Assistance Programme zur Auswahl: Das sind von externen Unternehmen gesteuerte Mitarbeiterberatungsplattformen, über die beispielsweise ein gewisses Stundenkontingent beim Psychologen gebucht werden kann. Bei Bedarf können Mitarbeiter dann auf professionelle Hilfe zugreifen – auch von zu Hause aus, etwa via Videosprechstunde. Das hilft schnell und wirkt. Mit solchen virtuellen Plattformen kann sehr kurzfristig und einfach geholfen werden. Nutzer können gezielter, schneller vorgehen und in Echtzeit handeln.

#meettheauthor at #CHCD17: Echtzeithilfe mit virtuellen #BGM-Tools. #digitalhealth @dmatusiewicz Klick um zu Tweeten

Diese ganzen Tools hören sich ja sehr vielversprechend an – aber abgesehen von den Einzellösungen klingen die anderen Angebote ja eher kostenintensiv. Können sich das auch kleine und mittelständische Unternehmen leisten?

Da stelle ich doch gleich mal die Gegenfrage: Kann es sich heutzutage überhaupt noch jemand leisten, nicht etwas für seine Mitarbeiter zu tun? Wenn ein Mitarbeiter etwa wegen psychischer Probleme ausfällt oder nicht ganz bei der Sache ist, sind die Personalkosten beziehungsweise Leistungseinbußen ungemein höher, als etwa die 30 Euro, die pro Psychologenstunde investiert werden. Dass ein Unternehmen überhaupt so etwas anbietet, ist ja allein schon ein positives Signal, schafft Vertrauen und Bindung. Grundsätzlich kosten digitale Tools heute schon viel weniger als viele physische Aktionen, bei denen der Trainer oder Berater gut und gerne einen Tagessatz von über tausend Euro verlangt. Da gibt es sicher auch für KMUs Möglichkeiten. Aus der Praxis habe ich bereits vernommen, dass solche ortsungebundenen, webbasierten Angebote auch in kleineren Betrieben gerne wahrgenommen werden und eben auch viel mehr Menschen erreichen. Das schafft einen wirklichen Mehrwert.

Welche Gefahren gehen von digitalen BGM-Angeboten aus? Wo hakt es denn noch am meisten und wie können Unternehmen dem entgegenwirken?

 In unseren Befragungen wurde oft der Widerstand der Belegschaft genannt, die Angst vor Überwachung und mehr Stress hat. Ein Hauptaspekt war natürlich auch der Datenschutz. Wie bei jeder Change-Maßnahme in einem Unternehmen ist das Involvement der Belegschaft wichtig. Wer seinen Mitarbeitern die Chance gibt, schon in den Implementierungsprozess mit einzusteigen, kann eher auf Zustimmung hoffen, als bei von der Führungsriege diktierten Aktionen.

 Wie sieht’s mit dem Datenschutz aus? Da stehen noch einige Fragen im Raum: Wie sicher ist digitales BGM? Sind unsere Gesundheitsdaten bald schon Freiwild?

 Die Datenschutzproblematik wird aus meiner Sicht oft heißer gekocht, als sie eigentlich ist. Wichtig ist, dass die Datenhoheit immer klar und transparent geregelt ist. Bei digitalen Gesundheitsmaßnahmen am Arbeitsplatz bleibt es in der Regel jedem Teilnehmer selbst überlassen, welche Daten er preisgeben möchte und welche nicht. Bei der Nutzung von Apps muss der Markt natürlich nach qualitativ hochwertigen Programmen gescreent werden, da muss man schon aufpassen, dass der Datenschutz gewährleistet ist. Bei den guten Programmen ist das grundsätzlich schon der Fall. Auch in die meisten Tools der Krankenkassen besteht bereits ein großes Vertrauen, deren Sicherheitsstandards sind schon sehr hoch. Datenschutz spielt bei der Implementierung von BGM-Maßnahmen immer eine große Rolle, sollte aber kein Bremspedal sein.

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Also hat das digitale BGM in seiner Entwicklung noch Luft nach oben. Auf einer Skala von 1 bis 10, wo steht es denn heute?

 Definitiv noch auf Stufe eins, aber mit Potenzial in den oberen Bereich! Es fehlt ja schon allein an einer Definition. Das haben wir im Buch zwar versucht, aber es liefert zunächst einmal nur einen ersten Überblick und eine Diskussionsgrundlage. Der Arbeitsmarkt und somit auch das BGM wurden von der Digitalisierungswelle zum Teil inflationär überrollt: Es wurden viele innovative Produkte entwickelt, doch weiß keiner so recht, wohin damit.

Leider muss man auch sagen, dass die Implementierung digitaler Tools oft am Unverständnis der Entscheidungsbefugten scheitert: So sind zum Beispiel viele Vorstandschefs und Geschäftsführer noch älteren Jahrgangs – Technikaffinität- oder Verständnis ist da meist nicht vorhanden. Viele halten digitales BGM nur für Spielerei und sehen das Potenzial nicht, das sich dahinter verbirgt. Früher waren Mitarbeiterbefragungen zum Beispiel meist eine sehr aufwendige Sache. Heute kann die Meinung von Mitarbeitern mit nur wenigen Klicks tagesaktuell eingefangen werden. Viele sehen das noch nicht. Aber so langsam aber sicher sickern die Wichtigkeit des BGM und das Potenzial digitaler Programme auch in den Führungsetagen durch. Viele Verbände und verantwortliche Akteure haben die Benefits nun erkannt. Jetzt müssen die vielen Ideen im Laufe der nächsten Jahre nur noch umgesetzt werden.

Was ist also zu tun, um die betriebliche Gesundheitsförderung weiter voranzutreiben?

 Wir brauchen vor allem aussagekräftige empirische Daten. Es gibt kaum Forschungsergebnisse, gerade in Bezug auf digitale Maßnahmen. Ohne die Gewissheit, welche Verbesserungen sich höchstwahrscheinlich einstellen werden, lassen sich nur wenige Betriebe auf BGM ein. Sie wollen konkret wissen, was es ihnen bringt. Neben uns Wissenschaftlern, die ständig an einer Systematisierung und Definition von BGM arbeiten, müssen sich auch die Arbeitgeber forschungsaffin zeigen, Kooperationen mit der Wissenschaft eingehen und die Maßnahmen, die sie angehen auch direkt auswerten. Eine Daten- und Forschungsbasis zu schaffen, hat also erst einmal höchste Priorität. Unser Fachbuch steht da erst am Anfang. Es muss stetig weitergeführt und zunehmend mit konkreten Kennzahlen befüllt werden. Die Politik kann Impulse schaffen und einen Rahmen bestimmen. Innerhalb dieses Rahmens müssen dann Forschung und Praxis eng zusammenarbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch.


 Weiterführende Literatur:

Matusiewicz D, Kaiser L (2016): Digital Corporate Health Management – empirical analysis of the usage of digital health instruments in Germany, in: Annual international Conference Proceedings, Global Science & Technology Forum, 2016 (1), ISSN: 2251-3880,  doi 10.5176/2251-3833_GHC16.48, p. 112-115.

Steigner G, Doarn C, Schütte M, Matusiewicz D, Thielscher C (2016): Health Applications for Corporate Health Management, in: telemedicine and e-Health, Vol. 23, No. 5, p. 1-5.

Matusiewicz D, Kaiser L (2017): Digitales Betriebliches Gesundheitsmanagement, Springer Gabler Verlag, 1. Auflage, Berlin-Heidelberg-New York, 2017.


Zur Person:

„Auf Stufe eins mit Potenzial nach oben“: Digitales BGM in Deutschland

Prof. Dr. David Matusiewicz. Foto: Tom Schulte

David Matusiewicz ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Gesundheitsmanagement an der FOM Hochschule für Ökonomie & Management in Essen. Seit 2015 verantwortet er als Dekan den Hochschulbereich Gesundheit & Soziales und leitet als Direktor das Forschungsinstitut für Gesundheit & Soziales (ifgs). Darüber hinaus ist er Gründungsgesellschafter des Essener Forschungsinstituts für Medizinmanagement (EsFoMed GmbH) und unterstützt als Gründer beziehungsweise Business Angel punktuell Start-ups  im Gesundheitswesen (zuletzt die Health Innovation GmbH im Jahre  2015). Zudem war Matusiewicz bis 2014 Geschäftsführer bei der ForBiG Forschungsnahe Beratungsgesellschaft im Gesundheitswesen GmbH. Vor seiner Berufung zur Professur an der FOM Hochschule arbeitete er mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Dr. Jürgen Wasem am Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftungslehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen in den Arbeitsgruppen „Gesundheitsökonomische Evaluation und Versorgungsforschung“ sowie „Gesundheitssystem, Gesundheitspolitik und Arzneimittelsteuerung“. Seit mehreren Jahren ist Matusiewicz zudem in der Stabsstelle Leistungscontrolling in der Gesetzlichen Krankenversicherung tätig.

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