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Rückenschmerzen ade: „Ergonomie wirkt immer!“

Ergonomie wirkt sofort und langfristig! So sitzen Sie richtig.

Grafik: Verlag Michael Girschek

Interview mit Physiotherapeutin und Ergonomie-Beraterin Petra Stehle

Es gibt etwa 20 Millionen PC-Arbeitsplätze in Deutschland. Rund 30 Milliarden Stunden im Jahr verbringen Arbeitnehmer sitzend am PC – das summiert sich im Laufe eines Arbeitslebens. Fehlhaltungen und ungewollte Belastungen für den Körper sind da nicht ungewöhnlich. In Summe können sich aus anfänglich leichten Problemen schnell behandlungsbedürftige Beschwerden entwickeln.

Ergonomie-Spezialistin Petra Stehle und Medizinpublizist Dr. Christian Erhard erklären in ihrem Leitfaden „Gute Ergonomie – Gesünder Arbeiten am PC“, wie ein ergonomisch eingerichteter Arbeitsplatz solchen Beschwerden präventiv entgegenwirken kann. Auf der Corporate Health Convention 2017 stellt Petra Stehle das Werk vor. Vorab haben wir mit ihr über die wirkungsvolle Prävention körperlicher Beschwerden gesprochen.

Frau Stehle, aufgrund von Rückenproblemen und Co. nehmen Krankentage in Unternehmen stetig zu. Woran liegt das? So schwer kann das richtige Sitzen am Schreibtisch doch nicht sein. Oder?

Es ist tatsächlich nicht so schwer, wenn man bestimmte biomechanische Grundregeln und nicht Glaubenssätze berücksichtigt. Eine Hauptursache ist, dass sich Arbeitnehmer grundsätzlich zu wenig mit ihrem Bürostuhl befassen. Ein weiterer Grund ist, dass das Thema „Sitzsysteme“ bei den in Unternehmen mit gesundheitsfördernden Aufgaben betrauten Menschen, sprich Arbeitsmedizinern, Sicherheitsfachkräften oder Ingenieuren eher weniger ein Ausbildungsbestandteil darstellt. Selten besteht ausreichende Kenntnis über Individualisierbarkeitsfaktoren von Sitzmöbeln, deren unterschiedliche Mechaniken und ihre Auswirkungen auf die Biomechanik und Physiologie.

Welche Fehler bemerken Sie bei sitzenden Arbeitstätigkeiten am häufigsten?

Meistens ist die Sitzhöhe nicht richtig eingestellt. Es kursiert immer noch die 90/90- Regel, also dass der Oberkörper im 90-Grad-Winkel zum Oberschenkel aufgerichtet sein muss. In dieser Position kann man das Becken ohne erhöhte Kraftanstrengung nicht aufrichten. Außerdem muss man bei der Frage auch den Zeitfaktor ins Spiel bringen: Längerfristige Probleme kommen meist von Dauersitzpositionen: Das heißt also provokant gesagt: Ich kann so krumm, schief und schlampig sitzen wie ich will, so lange ich alle fünf Minuten anders sitze, ist es nicht wirklich schädlich. Einmal abgesehen davon, dass Sitzen auf Dauer generell nicht empfehlenswert ist: Im Büroalltag sollten regelmäßige Bewegungspausen an der Tagesordnung liegen.

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Welche Probleme können sich denn durch solche Fehlhaltungen ergeben?

Die Schwierigkeiten betreffen sowohl den aktiven als auch den passiven Bewegungsapparat insgesamt. Der Klassiker: Eigentlich die komplette Wirbelsäule rauf und runter, allen voran die Bandscheiben. Die Schulter- und Nackenregion wird bei PC-Arbeit ebenfalls massiv strapaziert. Bewegungsmangel und zu wenig Zirkulation führt zu Beeinträchtigungen des Stoffwechsels im Sinne von Unterversorgung, also zu schlecht ernährten Zellen und Geweben.

Was kann ein Arbeitnehmer persönlich dagegen tun?

Arbeitnehmer können sich erst einmal mit ihrem Bürostuhl auseinandersetzen und erforschen, was dieser an Funktionen und Einstellmöglichkeiten bietet, um sie bestmöglich beim Büromarathon zu unterstützen. Sie sollten sich bewusst machen, dass der Körper unterhalb des Kopfes bei PC-Arbeit nichts weiter ist als ein Stativ. Sitzen ist ein nicht bewusster Vorgang, ähnlich der Atmung. Umso mehr müssen die Grundflächen individuell auf die Personen abgestimmt sein: vom Fußboden angefangen, über die Sitzfläche, Rückenlehne, Armstützen bis hin zur Tischfläche. Dann erst kann das Feintuning auf dem Schreibtisch vorgenommen werden. Ziel sollte sein, den Arbeitsplatz so zu gestalten, dass die Möbel Aufrichtung und Entlastung evozieren und nicht von vornherein zu einseitigen Belastungen und Fehlhaltungen einladen. Unter guter Ergonomie verstehe ich, dass Grundbedingungen so geschaffen werden, dass sich der Mensch auch ohne bewusste Kontrolle immer wieder aufrichten und in aufrechter Haltung bewegen kann.

Gute #Ergonomie bewirkt, dass sich der Mensch auch ohne bewusste Kontrolle aufrichtet. #Prävention #CHCD17 Klick um zu Tweeten

Wie können Unternehmen körperlichen Beschwerden durch Fehlhaltungen auch ohne großes Büromöbel-Budget entgegenwirken?

Ergonomie ist ein Prozess, der begleitet werden muss, wenn man ihn ernsthaft im Unternehmen implementieren möchte. Dazu ist zunächst einmal Information für alle Beteiligten nötig. Erforderlich ist außerdem eine nachvollziehbare Anleitung zur ergonomisch sinnvollen Aufbauweise eines Arbeitsplatzes. Mitarbeiter und Unternehmensleitung müssen konkret wissen, was sie von einer verbesserten Ergonomie haben und sollten dann im Feld der Verhaltensprävention und dem der Verhältnisprävention klare, konsequente Entscheidungen treffen. Transparenz ist dabei unerlässlich, ist aber zunächst nur der zweite Schritt. Der erste Schritt liegt auf der Unternehmensseite, nämlich darin, das Thema Ergonomie ernst zu nehmen. Das passiert im Betrieblichen Gesundheitsmanagement beziehungsweise der Gesundheitsförderung oft noch zu niederschwellig.

Ergonomie wirkt sofort und langfristig! So sitzen Sie richtig.

Ausrichtung der Arbeitsmittel. Grafik: Verlag Michael Girschek

Mit welchen Argumenten lassen sich Arbeitgeber denn überzeugen, die ergonomischen Bedingungen im Unternehmen zu verbessern?

Meist ist dem Arbeitgeber schon selbst bewusst, dass eine ergonomische Optimierung notwendig ist. Das Argument Nummer eins ist: Eine Veränderung muss nicht einmal unbedingt etwas kosten. Denn aus dem Bestandsmobiliar lässt sich in den allermeisten Fällen schon sehr viel zur ergonomischen Verbesserung herausholen – wenn es vernünftig genutzt wird. Das ist leider allzu oft nicht der Fall.

Gute #Ergonomie muss nicht teuer sein und kann bares Geld #sparen. #BGM #CHCD17 #MeetTheAuthor Klick um zu Tweeten

Wenn ein Arbeitgeber schließlich überzeugt ist, wie geht es dann weiter?

Dann kommt es darauf an, in welchem Umfang und in welcher Tiefe eine ergonomische Neuausrichtung gewünscht ist. Das kann beim Aussortieren kaputter Möbel anfangen und bei der individuellen Einstellung von Arbeitsplätzen aufhören. Es kann genauso gut in die Erarbeitung von neuen ergonomischen Standards mit intern definierten Schnittstellen und externen Partnern führen oder zu Schulungen von Multiplikatoren im Haus, zu Ergonomie Workshops für Auszubildende, Hausmeister, Einkäufer oder zu einer bunten Mischung aus all dem.

Wie schnell kann ein ergonomisch eingerichteter Arbeitsplatz positive Ergebnisse bewirken? Ist eine Umstellung nach jahrelanger Fehlhaltung nicht zunächst schmerzhaft?

So eine ergonomische Anpassung ist immer auch eine massive Manipulation der Gelenk- und Muskelstrukturen. Muskelkater ist da am Anfang nicht ungewöhnlich. Diese Manipulation kann bei dem einen sofort angenehm und entlastend wirken. In anderen Fällen muss diese ergonomische Veränderung erst einmal langsam eingestellt werden, so dass der Körper sich daran gewöhnen kann. Es gibt da keine verallgemeinernde Regel. Ergonomie wirkt prinzipiell immer per sofort und langfristig. Der Wirkung von Ergonomie kann sich keiner entziehen, die Frage ist nur, ob im positiven oder negativen Sinne. Je mehr ich mir bewusst machen kann, was mir gut tut, desto besser kann ich natürlich die negativen Faktoren ausschalten.

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Welches sind die wichtigsten Eckpunkte im Aufbau eines ergonomischen Arbeitsplatzes?

Ergonomie ist keine Zauberei, die irgendwelcher Tricks bedarf. Sie ist nachvollziehbar und logisch erklärbar. Unser Leitfaden „Gute Ergonomie – Gesünder Arbeiten am PC“ beinhaltet viele Beispiele und ist eine Anleitung, wie ich schrittweise vorgehe, meinen Arbeitsplatz bestmöglich an meine Körperproportionen anzupassen. Kein Bereich am Arbeitsplatz darf vernachlässigt werden, die Segmente bauen auf einander auf und hängen eng zusammen. In der Regel sind es drei Bereiche, die ergonomisch angegangen werden: Die Sitzpositionen, die Tischhöhe und die Arbeitsmittel auf dem Tisch.

Ergonomie wirkt sofort und langfristig! So sitzen Sie richtig.

Korrekte Sitzhöhe. Grafik: Verlag Michael Girschek

Was müssen PC-Arbeiter bei den einzelnen Bereichen beachten, um ergonomisch korrekt zu arbeiten? Angefangen mit dem Stuhl.

Der Bürostuhl muss der Ausgangspunkt für alle ergonomischen Maßnahmen sein, denn er ist dasjenige Arbeitsmittel, mit dem Arbeitnehmer den intensivsten Kontakt haben. Wie bereits angesprochen, ist die Sitzhöhe des Bürostuhls jedoch oft falsch eingestellt. Diese sollte individuell an die entsprechende Person angepasst sein, definitiv mit einem Sitzwinkel größer 90°Grad. Außerdem sollte die gesamte Sitzfläche besetzt werden. Die meisten Leute sitzen allerdings nur auf zwei Dritteln der Fläche, was durchaus ganz unterschiedliche Ursachen hat. PC-Arbeiter sollten also nicht nur systematisch überprüfen, ob sich der Stuhl an ihren passiven Bewegungsapparat, sprich das Skelett und Proportionen anpassen lässt, sondern sich auch sorgfältig mit dem Bewegungsangebot des Stuhles für ihren aktiven Bewegungsapparat beschäftigen. Das bedeutet zum Beispiel, den Widerstand einer Sitzmechanik richtig einzustellen. Mit Sicherheit gibt es nicht einen Stuhl für alle. Nutzer täten gut daran, verschiedene Stühle auszuprobieren und sie nicht nur nach Bequemlichkeit zu bewerten.

Welche Besonderheiten sind im Bereich Tischhöhe zu beachten?

Wichtig ist, dass die Höhe des Schreibtischs an die des Bürostuhls angepasst wird und nicht umgekehrt. Der zweithäufigste Fehler bei der Einrichtung eines Arbeitsplatzes ist, dass die Höhe der Stühle und Armlehnen an die Tischhöhe angepasst werden und nicht, wie es richtig wäre, umgekehrt. Ist es -aus welchen Gründen auch immer- in einem Unternehmen nicht gewünscht, dass Schreibtische in der Höhe verstellt werden, nehme ich einen Auftrag zur ergonomischen Optimierung gar nicht erst an. Viele Arbeitsplatzanpassungen gehen schief, wenn man die Tischfläche als gegeben her nimmt und alles andere drum herum schraubt.

Und wie sieht es auf dem Schreibtisch aus?

Maus, Tastatur, Monitor und Co. sollten exakt auf den Körper und die Aufgaben einer Person abgestimmt sein. Grundsätzlich sollten die Arbeitsmittel so genutzt werden, dass der Körper sich von einer sicheren, stabilen, symmetrischen Grundstatik aus bewegen kann. Einseitige Stütz- und Rotationskomponenten oder lange Hebel sollten vermieden werden. Ein weit verbreiteter Fehler ist beispielsweise, dass die Monitore meist zu hoch eingestellt sind. Da der Rumpf im Tagesverlauf eher zusammensackt, tendiert man immer mehr dazu, nach oben zu schauen und damit die Halswirbelsäule zu überstrecken und den Kopf nach vorne zu verlagern. Bei der Anordnung und Nutzung der Arbeitsmittel auf dem Schreibtisch sollte man stets an den Spruch: ,, Meine Abweichung ist meine Normalität“ denken.

Wieso das?

Wenn ich einen Arbeitsplatz achsen- und proportionsgerecht sowie greifraumoptimiert anpasse, entsteht beim Nutzer trotz der spürbaren Entlastung nicht selten der Eindruck, jetzt wäre er plötzlich selbst und nicht sein Arbeitsplatz schief. Jahrelang unbemerkte, scheinbare Kleinigkeiten, wie zum Beispiel ein leicht gedrehter Bildschirm oder ein zu kurzes Mauskabel werden nach und nach in die Haltungs- und Bewegungsmuster integriert und summieren sich dort zur subjektiven Wahrnehmung von zum Beispiel einer geraden Kopfhaltung auch dann, wenn diese deutlich sichtbar leicht nach rechts oder links geneigt oder gedreht ist. In solchen Fällen bedarf es konkreter Anleitung und Bezugspunkte zur Selbstkontrolle und ganz wichtig der Information, dass Ergonomie auch ein Umkehren und sich auf den Rückweg machen bedeuten kann, nämlich zurück zum ursprünglichen Programm von ausgewogenen Haltungs- und Bewegungsmustern. Auf diesem Rückweg trägt jeder noch so kleine Schritt zur Verbesserung der persönlichen Belastungsbilanz bei.

Vielen Dank für das Gespräch.


Ergonomie-Beraterin Petra Stehle

Ergonomie-Beraterin Petra Stehle. Foto: Privat.

Zur Person:

Petra Stehle gestaltet seit 15 Jahren Arbeitsplätze unter ergonomischen, biomechanischen und funktionellen Gesichtspunkten und berät Unternehmen bei der Ergonomie-Planung. Als staatlich anerkannte Physiotherapeutin behandelte sie von 1987 an Patienten mit orthopädischen und neurologischen Erkrankungen. Anschließend war sie zwölf Jahre in der Büromöbelbranche tätig. Im Leitfaden „Gute Ergonomie – Gesünder Arbeiten am PC“ hat sie gemeinsam mit ihrem Co-Autor Dr. Christian Erhard die wichtigsten Schritte und Einstellungen für gesünderes Arbeiten an PC-Arbeitsplätzen zusammengefasst. Der Leitfaden erschien erstmalig im Jahr 2013.

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3 Comments

  1. Schöner Artikel der zeigt, wie wichtig Ergonomie ist. Schliesslich verbringen Arbeitnehmer einen Grossteil ihrer Zeit im Büro… Mit Rückenschmerzen nach Hause zu gehen, weil der Bürostuhl nicht geeignet ist, ist sowohl für die Produktivität und das eigene Wohlbefinden nicht gut. Deshalb ist eine funktionale und praktische Büro Einrichtung mit einem guten Bürostuhl, Schreibtisch oder gar einem Stehpult, das höhenverstellbar ist, wirklich wichtig. Es geht nicht mehr nur darum, dass die Büromöbel ihren Zweck erfüllen, sie sollten auch ergonomischen Kriterien erfüllen – das kommt dem Arbeitgeber und seinen Angestellten zu Gute.

  2. Ich kann mich meinem Vorredner nur anschließen. Jeder Mitarbeiter sollte regelmäßig seinen Arbeitsplatz unter Ergonomie-Gesichtspunkten überprüfen. Haben der Tisch und der Stuhl die richtige Höhe, sind die Rückenlehne und Armstützen richtig eingestellt, wird das dynamische Sitzen gefördert usw.
    Auch die Arbeitgeber sollten immer mehr Acht darauf geben. Gerade bei Rückenschmerzen droht oft ein langer Arbeitsausfall. Im Gegensatz dazu lohnt es sich für den Arbeitgeber, in hochwertige Bürostühle für das Personal zu investieren.

  3. Hallo,

    ein sehr interessantes und umfassendes Interview.
    Ja, Arbeitsplatzergonomie ist eben an gewisser Stelle bzw. im Prinzip zu 100% Sache desjenigen, den es betrifft. Und wenn ich mir dessen als Arbeitnehmer bewusst bin, dann bringe ich eben meine eigenen Arbeitsmittel bzw. prüfe aus reinem Eigeninteresse meinen Arbeitsplatz regelmäßig. Ich habe beispielsweise ein IKEA-Stehpult mit zur Arbeit genommen und dort regelmäßig Stehpausen eingebaut.

    Vielen Dank für den Artikel und die erneute Erinnerung.

    Mit Besten Grüßen,
    Gerd Kretzschmar

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