Diagnose Burnout: „Meine Erwartungen an mich selbst waren das größte Problem!“

Sven Hannawald. Foto: Bettina Theisinger

Skisprung-Legende und Corporate Health-Botschafter Sven Hannawald im Interview.

Noch vor 20 Jahren wusste kaum einer, was es mit dem Thema „Burnout“ auf sich hat. Heute dagegen ist es fast schon Normalität: Psychische Leiden machen aktuell rund 15 Prozent aller Fehltage aus. Seit 2003 haben sich Krankschreibungen wegen seelischer Erkrankungen mehr als verdoppelt. Und sie treffen auch Siegertypen wie die Sport-Legende Sven Hannawald. 2004 musste er seine große Leidenschaft, das Skispringen, wegen einer Burnout-Erkrankung aufgeben. Auf der Corporate Health Convention 2017 in Stuttgart spricht der Corporate Health-Botschafter am 10. Mai über seine sportlichen Erfolge, seine Erkrankung und den Weg zurück ins Leben. Im Interview berichtet er bereits vorab von seinen Erfahrungen.


Herr Hannawald, eigentlich sollte Sie die Öffentlichkeit „nur“ für Ihre Siege in allen vier Wettkämpfen der Vierschanzentournee 2001/2002 kennen. Doch eine Burnout-Erkrankung brachte Sie anderweitig in die Schlagzeilen. Wie konnte das passieren?

Meine Devise war immer „wer hoch hinaus möchte, muss auch viel geben“. Und ich war regelrecht besessen vom Skispringen und vom sportlichen Erfolg. Ich war quasi nur von Ehrgeiz durchdrungen, habe mir kaum Pausen gegönnt. Der Erfolg kam dann auch. Aber dass es da auch eine Schattenseite gibt, wurde mir erst klar, als es schon zu spät war.

Bei Ihrer Erfolgsbilanz könnte man ja eigentlich meinen, sie hätten alles erreicht. Wieso hatten Sie so einen Druck? Welche Rolle spielte die Öffentlichkeit dabei?

Menschen, die von Ehrgeiz und Perfektionismus getrieben sind, wie ich es war, sehen die erreichten Erfolge kaum. In jeder Pause die es gegeben hätte, habe ich noch mehr dafür getan, noch erfolgreicher zu werden. Über Erfolge freut man sich nicht so ausgelassen, weil man gleich wieder an das nächste Ziel denkt. Der Druck kam von mir selbst. Natürlich spielt auch das Medienumfeld ein bisschen mit rein. In guten Zeiten genießt man es, weil man dann natürlich auch viel zurückbekommt, aber an einem bestimmten Punkt merkt man, dass das ganze Paket auf einmal sehr schwer wiegen kann. Am Ende sage ich trotzdem, dass meine Erwartungen an mich selbst das größte Problem waren.

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Wann haben sich erste Anzeichen einer Burnout-Erkrankung bei Ihnen geäußert?

Der tiefe Fall kam nach und nach. Dass man Probleme hat, merkt man erst gar nicht, im Gegensatz zu Fieber oder einem Beinbruch. Das spürt man sofort, das macht einen direkten körperlichen Unterschied. Kopfbedingte Probleme, wie Burnout oder Depressionen, kommen nicht von heute auf morgen, genauso wenig bemerkt man sie gleich. Ich glaube, es hat schon vor der großen Erfolgssaison 2001/2002 angefangen. Es war ein schleichender Prozess. Zu der Zeit habe ich dann immer etwas gebraucht, um wieder „fit zu werden“, dann ging es aber wieder.

Nach Ihrem großen Grand Slam-Erfolg müssten sich aber doch eigentlich große Glücksgefühle eingestellt haben. Oder etwa nicht?

Nach dieser Tournee wusste ich zwar: „Hey, ich habe gewonnen“, aber richtig ausgelassen freuen konnte ich mich irgendwie nicht. Mein Selbstanspruch hat mich dann schnell wieder dahin zurückgeführt, dass ich immer noch nicht ganz zufrieden bin. Ich wollte mehr. Mit dem Erfolg wird auch der Anspruch an sich selbst immer größer. Ich habe mir nie eine richtige Pause gegönnt, mich den ganzen Tag mit Skispringen befasst. So hat mein Kopf keine Luft mehr bekommen. Ich hab zwar auch mal „nichts gemacht“, Urlaub gemacht oder Zeit mit der Familie verbracht, aber im Hinterkopf stand immer Frage, wie ich mich im Skispringen noch verbessern kann. Das bringt dich irgendwann völlig aus der Bahn. Dann brach es 2003/2004 komplett aus.

Und mit welchen Symptomen gingen Ihre Beschwerden einher?

Es fängt mit einer ganz normalen körperlichen Müdigkeit an, so war es zumindest bei mir. Im Gegensatz dazu kamen dann aber die Unruhegefühle in mir auf. Also egal wie ich reagiert habe, es hat einen negativen Auslöser gegeben: Wenn ich der Müdigkeit nachgegeben habe, eine Pause gemacht habe, hat mein Kopf nicht mitgespielt. Ich war so unruhig, dass es mich kirre gemacht hat. Als ich dann aber der Unruhe nachgegeben und wieder viel trainiert habe, war ich dann im Endeffekt natürlich körperlich noch müder. Es ist ein echter Teufelskreis. Es fühlt sich an, als ob es bei 30 Grad plus und Sonnenschein schneien würde, das funktioniert normalerweise nicht. Das Chaos ist also vorprogrammiert und es frustriert dich von Tag zu Tag mehr.

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Sie sagten, dass Ihnen die Symptome des Erschöpfungszustandes selbst zu lange nicht bewusst waren. Hat aber ihr Umfeld denn auch nichts davon bemerkt?

Naja, aufgefallen ist meinem Umfeld das schon. Ich bin eigentlich immer für alles zu haben, fühle mich auch wohl in einer Gruppe. Dann habe ich mich aber irgendwann immer mehr zurückgezogen, wollte ein Einzelzimmer, war auf meine Ruhe aus und mich hat alles schnell genervt. Das ist sowohl meinen Eltern als auch meinen Trainern und auch den Mitspringern aufgefallen – auch mein Charakterveränderung. Sie wussten aber nicht, wieso, weshalb, warum. Natürlich gab es auch Gespräche mit meinen Bezugspersonen, aber ich wusste ja selbst nicht was mit mir los ist. Ich habe das Ganze dann immer auf eine gewisse Überforderung mit allem geschoben. Im Nachgang weiß ich vieles besser zu deuten. Aber damals war mir das nicht bewusst und es gab ja schließlich nur wenig konkrete Beispiele aus dem Profisport. Als dann nach zahllosen Arztbesuchen ein Fachmann Ende März 2004 zum ersten Mal das Wort „Burnout“ in den Mund genommen hat, wusste ich auch erst einmal nur ungefähr, um was es geht.

Das war sicher ein großer Schock für Sie. Wie sind Sie mit der Diagnose umgegangen?

Nein, ganz im Gegenteil, es war eine totale Erleichterung für mich. Viele, die das diagnostiziert bekommen, sind eigentlich froh sind, dass sie endlich einen Grund kennen, für diese ganze Misere im Kopf. Denn die meisten wissen die Anfangssignale nicht richtig einzuordnen. Zunächst gehst du zu normalen Fachärzten. Das Blutbild wird getestet, die Organe und so weiter. Jeder sagt dir: Du bin vollkommen gesund. Bei mir zog sich das über eineinhalb Jahre hin. Wenn Sie so lange von Arzt zu Arzt rennen, spüren, dass es Ihnen nicht gut geht, aber keiner weiß wieso, dann sind sie irgendwann mal froh, wenn sie zu an einen Fachmann geraten, der ihnen erzählt, was Sie eigentlich haben.

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Wie ging es dann weiter?

Wenn ich mal was anfange, dann hänge ich mich da immer hundertprozentig rein. In dem Fall war das Ziel natürlich erst einmal, dass ich so schnell es geht wieder Skispringen kann. Das war der Erstgedanke. Der Arzt sagte, ich muss acht Wochen in die Klinik und das wollte ich dann auch durchziehen.

Wie haben Sie sich in der Klinik gefühlt?

In der Klinik hatte ich relativ schnell ein ziemlich gutes Gefühl. Durch den Aufenthalt habe ich recht schnell einen Abstand zu dem allem gewonnen. Ich war weg vom Skispringen, in einer anderen Welt – an einem Ort, an dem ich noch nie war. Meine Erinnerungen an mein altes Leben waren weit weg. Für den Körper und den Kopf ist ein Start in ein ganz neues Leben. Nach den acht Wochen konnte ich endlich wieder gut schlafen. Ich bekam wieder Lust hatte, mich zu bewegen, Rad zu fahren, das konnte ichwieder richtig genießen.

Danach haben sie dann beschlossen, Ihre Skisprung-Karriere zu beenden. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Das kam noch im Laufe des Jahres. Ich bin dann im Frühjahr aus der Klinik raus, war dann erst einmal bei meinen Eltern, um dort ein bisschen Fuß zu fassen. Dann bin ich wieder in meine Wohnung nach Hinterzarten, das war schon etwas schwieriger, weil ich gemerkt habe, dass diese Wohnung und Umgebung zu viele Erinnerungen an die damalige Zeit wachgerufen hat. Mit der Zeit konnte ich damit umgehen. Dann hab ich eigentlich auch schon wieder mit dem Thema Skispringen beschäftigt. Dann wurde mir aber schnell klar: Je mehr ich mich wieder damit beschäftige, desto mehr Unruhe kommt wieder in mir auf. Das war für mich dann das Zeichen, dass ich mich von meinem Skispringen verabschieden musste.

Hatten Sie dann einen konkreten Plan, wie sie auch ohne den Skisprung-Sport wieder ins Leben finden? Mussten Sie viele Rückschläge verkraften?

Einen Plan gab es erst einmal gar nicht. Genau das ist schädlich und nach einer solchen Phase das letzte, was Du möchtest. Du lernst erst wieder Laufen, hörst auf deine innere Stimme und Instinkte; die sagen dir dann, was für dich gut ist. Es hat mehrere Jahre gedauert, bis ich wieder komplett auf dem Damm war. Drei bis fünf Jahre würde ich schätzen. Rückschläge gab es natürlich auch, das gehört dazu. Man muss sich eingestehen, dass es Höhen und Tiefen gibt, wie im normalen Leben auch. Das versuche ich den Leuten auch immer wieder mitzugeben: Macht euch keinen Stress, versucht nicht, so schnell wie es geht wieder gerade zu stehen. Das geht wenn überhaupt nur mit Tabletten und das befürworte ich nicht.

Mit dieser Erfahrung im Rücken: Wie gehen Sie heute mit Stress um? Was tun Sie, um nicht wieder in alte Muster zu verfallen?

Man lernt natürlich, reflektierter mit Stress umzugehen, sich selbst nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Stress gehört ja zum Arbeitsleben dazu, aber man darf sich selbst dabei nicht vergessen. Es sollte vor allem darauf geachtet werden, dass nach einer stressigen Zeit oder vielen Terminen eine Ruhephase kommt. Mittlerweile stehe ich wieder mit beiden Beinen im Leben und komme damit zurecht. Eine Therapie brauche ich glücklicherweise nicht mehr.

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Sie werden häufig mit dem Satz zitiert, dass die Faktoren auf dem Weg zu sportlichem Erfolg sich fast eins zu eins auf das Business anwenden lassen. Welche sind das? Und was hat Skispringen eigentlich mit der Arbeitswelt zu tun?

Weil in der Arbeitswelt genauso ein Ergebnis gefordert wird, wie im Sport auch. In der heutigen Zeit gibt es kaum noch einen Unterschied zwischen Profisportlern und der arbeitenden Bevölkerung. Früher hatten Beschäftigte eher die Möglichkeit, im Arbeitsalltag einmal durchzuatmen. Heute ist das nicht mehr so einfach möglich. Beschäftigte werden den ganzen Tag, über die gesamte Woche hinweg wahnsinnig gefordert, wie eben auch im Profisport. Der Unterschied ist nur, das die Leistungssportler in der Regel eher lernen, auf sich und ihre Körper zu hören, weil die sich den ganzen Tag mit ihrem Körper auseinandersetzen. Natürlich gibt es auch Sportler, das sieht man ja an meinem Beispiel, die zu ehrgeizig sind und nicht richtig hinhören. Auch „normale“ Arbeitnehmer müssen lernen, auf Ihre Körper zu hören und eine Balance zu bekommen, so wie es unser Motto beschreibt: „Erfolg in Balance“. Das hatte ich und haben auch viele andere Beschäftigte nicht.

Sie haben eine Unternehmensberatung gegründet, u.a. für den Bereich Corporate Health. Welche Tipps haben Sie für Ihre Kunden in Punkto gesunde Work-Life-Balance parat?

Gemeinsam mit meinem Partner Sven Ehricht bieten wir Keynotes, Talks aber auch Gesundheitstage, Workshops und Führungskräfte-Seminare zu dem Thema an, u.a. auf modernen Skisprungschanzen. Aber ich bin kein Therapeut. Das ist auch der Grund, warum wir jetzt in Stuttgart den Arzt und Stressexperten Dr. Jürgen Hettler vom Gezeiten Haus Bonn (Private Fachkrankenhäuser für Psychosomatische Medizin und TCM) dabei haben. Ich stoße bei unseren Veranstaltungen öfter mal an meine Grenzen, wenn ich merke, dass der ein oder andere Teilnehmer massive psychische Probleme hat. Da kann nur ein Therapeut helfen, der gelernt hat, mit den Problemen seines Gegenübers umzugehen und den Menschen positive Impulse mit nach Hause zu geben. Davor habe ich höchsten Respekt. Daher werden die Seminare mittlerweile immer vom Gezeiten Haus und deren Experten begleitet.

Ich kann lediglich aus meinem Erfahrungsschatz schöpfen und nur jedem raten: Nehmen Sie sich Zeit für Pausen. Hören Sie auf Ihre innere Stimme, sie wird Sie lenken. Beschäftigen Sie sich mit „kindlichen“, einfachen Aktivitäten wie zum Beispiel malen. Unternehmen Sie etwas mit der Familie oder Freunden, legen Sie das Handy weg und machen Sie zum Ausgleich die Dinge, die Ihnen gut tun. Regelmäßige Bewegung ist dabei ganz wichtig. Letzten Endes braucht ein Tisch vier Beine, um richtig zu stehen. Diese vier Beine beziehen sich auf Gesundheit, Familie, Beruf und Freizeit. Diese vier Elemente geben uns ein stabiles Lebensfundament. 4 gewinnt! Auf die innere Stimme ist immer Verlass, konzentrieren Sie sich darauf!

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Diagnose Burnout: „Meine Erwartungen an mich selbst waren das größte Problem!“

Foto: N. Rupp

Zur Person:
Sven Hannawald wurde 1974 in Erlabrunn/Erzgebirge geboren. Als 12-jähriger wechselte er auf die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) in Klingenthal und zog nach der Wende (mit 15 Jahren) nach Hinterzarten in den Schwarzwald. Im Jahr 2000 wurde er Skiflug-Weltmeister und 2001/02 zur Legende, als er die Vierschanzentournee mit Siegen in allen vier Wettbewerben gewann, was vor ihm und bis heute keiner mehr geschafft hat. Hannawald gewann insgesamt 18 Weltcup-Springen und wurde 2002 Olympiasieger. Im Jahr 2004 beendete er krankheitsbedingt seine Karriere. Heute berät der Unternehmen und ist als TV-Experte bei Eurosport zurück im Sport. Darüber hinaus engagiert er sich als Botschafter für die Initiative „Corporate Health Award (CHA)“. www.Sven-Hannawald.com

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