Mentalisieren als Anti-Stress-Mittel

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Stress! – Das Stichwort, wenn es um die Beschreibung unseres Arbeitsalltages geht. Manche Menschen können damit besser umgehen als andere. Doch auch wenn es nicht bereits im Charakter angelegt ist: Ruhe bewahren in stressigen Situation – das kann man trainieren. Mentalisieren ist hier das Stichwort. Es ermöglicht, sich selbst im Stress klug, angemessen und vorausschauend zu verhalten und schützt so vor Burnout, psychischen, psychosomatischen und körperlichen Krankheiten. Ein spezielles Mentalisierungstraining stellt Dr. Thomas Bolm in seinem neuesten Fachbuch „Mentalisierungsbasierte Therapie“ und seinem „Meet the Expert“-Vortrag am 09. Mai von 10 bis 11 Uhr vor. Im Interview gibt er erste Einblicke.


 Herr Dr. Bolm, Sie sind Spezialist für Begebenheiten, die eine beschädigte oder zu stark beanspruchte Seele betreffen. Es heißt ja, dass die neue Welt der Arbeit neben körperlicher Entlastung allerdings auch zu verstärkter psychischer Belastung führt. Wie erklären Sie sich das?

 Als Therapeut und Coach bekomme ich die Hintergründe für psychische und psychosomatische Erkrankungen genauso mit wie die Gesundungs- und Resilienzfaktoren in der Arbeitswelt. Generell haben die Komplexität beruflicher und privater Herausforderungen und der gesellschaftliche Anspruch an lebenslange Flexibilität stark zugenommen. Untersuchungen von Krankenkassen und Berufsgenossenschaften bestätigen, dass ein hoher und zunehmender Prozentsatz von Versicherten sich beruflich überlastet und unter Dauerstress erleben. Eine große Rolle hierbei spielen die Eigengesetzlichkeiten moderner Kommunikationsmedien.

Als Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie haben Sie täglich mit psychosomatischen Beschwerden zu tun. Kommt es oft vor, dass die Arbeit der Grund „allen Übels“ ist?

Als Behandler bekomme ich mit, wie unterschiedlich die Ursachen für Ängste, Depressionen, Schmerzen, Schlafstörungen und viele andere psychosomatische Beschwerden sind. Äußere Belastungen aus Arbeit, Partnerschaft und Familie treffen auf Menschen, die durch ihr Temperament und ihre prägenden Lebenserfahrungen ganz verschiedene Möglichkeiten haben, mit Stress umzugehen. Manche haben nicht gelernt, für sich selbst einzustehen, andere haben Probleme mit der Kontrolle heftigen Ärgers oder damit, sich rechtzeitig Unterstützung zu holen. Und selbst dem sozial stabilsten kann es zu viel werden, wenn ein bestimmtes Maß an Stress überschritten wird. Wenn Sozialstress am Arbeitsplatz traumatische Ausmaße annimmt, kann dies langfristige gesundheitliche Folgen haben.

Psychische Erkrankungen gehören heutzutage zu den häufigsten Gründen für Fehltage. Das scheint allerdings noch ein recht neues Phänomen zu sein. Sind die Menschen heute etwa „zarter besaitet“ als früher?

So neu ist das Phänomen nicht, nur wurden vor 20 Jahren psychische und psychosomatische Erkrankungen nicht so gut erkannt oder oft körperlichen Erkrankungen zugeordnet. Die Gesamthäufigkeit psychischer Erkrankungen hat nicht zugenommen, jedoch hat auch die Angst abgenommen, entsprechende Ursachen auch beim Namen zu nennen.

Stress ist der wohl häufigste Faktor, der zu Punkto Burnout und Erschöpfung führt. Doch verhindern kann man ihn nicht. Wie kann man sich entsprechend wappnen?

Stress ist per se nicht krank machend, auch sind wir Menschen mit unserer Kreativität und Vielseitigkeit dafür gemacht, schwierige Herausforderungen zu meistern. Arbeitsfreude, Sport und andere Hobbys sind gute Beispiele dafür. Es gibt allgemeine Empfehlungen, für Arbeitszufriedenheit, gute Ernährung, hinreichend Bewegung, Entspannung und gute Beziehungen zu sorgen. Sich gegen Stresserkrankungen zu wappnen bedeutet also, die positiven Aspekte von Tätigkeit und Erholung zu pflegen: Wofür bin ich bereit, mich zu verausgaben? Wie kann ich Einfluss behalten über stressige Prozesse und bin nicht nur der Willkür oder Forderung anderer ausgeliefert? Welche Anerkennung bekomme ich dafür von mir selbst und anderen? Beachten ich und andere dabei einen fürsorglichen Umgang mit meinen körperlichen und seelischen Ressourcen? Einen besonderen Stellenwert hat die gute Beziehungsgestaltung, was in großen Studien nachgewiesen ist.

Stress per se macht nicht krank - nur dann, wenn man keinen Ausgleich findet. #mentalisieren #antistress… Klick um zu Tweeten

Was ist unter dem Begriff des Mentalisierens überhaupt konkret zu verstehen?

Mentalisieren ist die Fähigkeit, sich auch in sozialem Stress ein differenziertes Bild von sich und den Beziehungen zu anderen machen zu können. Dies umfasst nicht nur konkretes Tun sondern auch die mentale Welt, unsere Gefühle, Motivationen, Wünsche, unser Wissen darüber, wie wir oder jemand anderes „tickt“. So kann ich mich und meine Handlungen gut verstehen, aber mich auch in andere gut hineinversetzen. Insbesondere in schwierigen Situationen hilft dies, Belastungen, Konflikte, diffizile Entscheidungssituationen zu managen.

Können Betroffene mit kleinen Trainingseinheiten auch selbst zur Verbesserung ihrer Mentalisierungsfähigkeit beitragen, oder ist dabei immer ein Profi, das heißt eine ausgeklügelte Therapie nötig?

Einfache Mittel für jedermann sind jegliche selbstfürsorgliche Aktivitäten, Entspannungsmethoden und gute Gespräche mit vertrauten Menschen. Sie tragen dazu bei, dass wir für uns selbst und mit anderen zusammen nicht in einen starren, eingeengten Zustand kommen, in dem wir nicht mehr flexibel und differenziert fühlen und denken können. Wenn dies nicht mehr ausreicht, weil die äußeren Stressoren zu heftig sind oder wir auf Grund unserer Persönlichkeit an unsere Grenzen kommen, ist professionelle Beratung oder Therapie sinnvoll.

Anti-Stress-Mittel: Aktivitäten die einem gut tun - Entspannungsmethoden, Bewegung, gute Gespräche.… Klick um zu Tweeten

Inwiefern unterscheidet sich Ihre Methode der „Mentalisierungsbasierten Therapie“ (MBT) von anderen Trainings zur Stärkung der psychischen Gesundheit?

MBT setzt nicht bei Einzelmodulen zu bestimmten Sachinhalten oder Entspannung und Bewegung an sondern fördert die ganzheitliche Fähigkeit, sich einem neugierigen Prozess von Verstehen und Erspüren der eigenen Person, anderer, der Beziehung zueinander und komplexer Situationen zu stellen. MBT fördert eine Fähigkeit, die wir in entspannten, gelassenen Situationen meistens schon haben, aber in der Anwendung für schwierige Herausforderungen. MBT geht dabei wesentlich tiefer in einen Verstehensprozess als Achtsamkeits- und Entspannungstrainings.

Konnte sich Ihr Ansatz bereits konkret in seiner Wirksamkeit beweisen? – etwa in Studien oder sonstigen Tests?

 In einigen internationalen Studien konnte MBT bei Erkrankten, die in extremem sozialen Stress waren, die durch Probleme bis an den Rand der Gesellschaft gekommen waren, unter Ängsten, Depressionen, psychosomatischen Beschwerden und Beziehungsproblemen litten, nicht nur eine Gesundung erreichen sondern auch eine gute Integration in gute berufliche und private Verhältnisse. Diese gute Entwicklung nahm nach Abschluss der Behandlung sogar noch zu.

Mentalisieren als Anti-Stress-Mittel

Dr. Thomas Bolm. Foto: Privat.

Zur Person:

Dr. med. Thomas Bolm ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Gruppenpsychotherapie. Er ist Chefarzt von MentaCare, Zentrum für psychische Gesundheit Stuttgart, sowie Gruppenlehranalytiker der D3G und AGAPG. Er wurde durch Anthony Bateman und Peter Fonagy in London in MBT ausgebildet und leitete ab 2004 die Ersteinführung im deutschsprachigen Raum.

 

 

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