Zukunft-Personal_Bettina-Volkens zu Digitalisierung

Foto: Dr. Bettina Volkens

„Digitalisierung hebt uns auf die nächste Evolutionsstufe,“ prognostiziert Dr. Bettina Volkens, Arbeitsdirektorin der Deutschen Lufthansa AG. Dabei seien Ausmaß und Auswirkung der Veränderung nur ansatzweise zu erahnen, da sie exponentiell erfolgen. Die Arbeitsdirektorin sieht es als ihre zentrale und vordringlichste Aufgabe an, Menschen mit den neuen, digital geprägten Arbeitsrealitäten in Einklang zu bringen. Das heißt für sie: Den Menschen in den Mittelpunkt der Digitalisierung stellen und eine digitale Kultur fördern. Dafür müssten heutige Strukturen geändert und angepasst werden.

Frau Dr. Volkens, Digitalisierung lässt uns als Megatrend nicht mehr los, oder?

Nein, im Gegenteil. Digitalisierung hebt uns auf die nächste Evolutionsstufe und verändert damit auch sämtliche soziokulturelle Rahmenbedingungen. Schon heute prägen intelligente und vernetzte Systeme unser öffentliches und privates Leben. Über 160 Millionen Menschen nutzen tagtäglich das soziale Netzwerk Snapchat, obwohl es nur per Smartphone erreichbar ist.

Im Netz erreichen wir heute eine so hohe Anzahl an Menschen, wie es zuvor nicht denkbar gewesen wäre. War einst die Produktion von Wissen und dessen Verteilung zentralisiert, können wir heute von überall auf unendliche Datenmengen zugreifen.

 

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Evolutionsstufe? Das sind große Worte!

Das Tempo der Veränderung ist einfach zu rasant. Digitalisierung passiert viel schneller und elementarer als alles bisher Dagewesene.

Überwiegt dabei die Angst oder die Hoffnung?

Das Ausmaß und die Auswirkungen der Veränderung können wir heute nur ansatzweise erahnen, da die Weiterentwicklung der Technik exponentiell erfolgt.

Aber der Mensch hat Fähigkeiten, die Maschinen nicht erreichen werden: Empathie und emotionale Intelligenz. Der Mensch ist eben nicht nur in der Lage, zu beobachten und zu analysieren, sondern kann sich auch in den anderen hineinversetzen. Kreative Prozesse, wie wir Sie in den Künsten und Wissenschaften sehen, bleiben stets dem Menschen vorbehalten.

 

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Konkret: Was bedeutet Digitalisierung in Ihrer Branche?

Die Digitalisierung durchdringt fast jeden Aspekt der Luftfahrt, die Auswirkungen auf bestehende Prozesse und Produkte sind enorm. Nur mal ein Beispiel: Für das Jahr 2025 erwarten wir im Luftverkehr das Fünfzigfache heutiger Datenmengen. Für den Kunden wird sich das Reiseerlebnis verändern, digitale Services entlang der Reisekette werden immer wichtiger. Heute hat jeder unserer Kunden ein Smartphone. Gerade im Reisesektor entstehen außerordentlich disruptive Geschäftsmodelle. Und schon jetzt nutzen über 10 Millionen Menschen die Apps der Lufthansa Group. Bis zum Jahr 2020 investieren wir alleine für die Neu- und Weiterentwicklung personalisierter digitaler Angebote 500 Millionen Euro.

Und für Ihre 128.500 Mitarbeiter?

Unsere internen Strukturen verändern sich deutlich. In administrativen Bereichen wird das Arbeiten in Netzwerken immer wichtiger. Anders als in klassischen Strukturen bilden sich Netzwerke aus Menschen, die sich mit einem Thema identifizieren und dazu beitragen möchten. Dabei tritt die hierarchische Position oder die organisatorische Zugehörigkeit in den Hintergrund. In diesen Strukturen wird Suchen, Experimentieren, Lernen und Verändern gefördert und insgesamt wird die Organisation damit beweglicher und agiler.

Natürlich liegt darin nicht die einzige Arbeitsform der Zukunft. Hierarchien und eindeutige Prozesse werden wir immer benötigen.

Hängen Sie Ihre Kollegen damit nicht ab?

Da treffen Sie den richtigen Punkt. In der Digitalisierungsdebatte denken viele nur an Smartphone oder Apps. Entsprechend wird die Digitalisierung in Unternehmen oftmals ausschließlich von IT-Abteilungen vorangetrieben und davon betroffene Mitarbeiter werden nicht in ausreichendem Maße in die Veränderungen einbezogen. Ich bin der festen Überzeugung, dass neben den technischen Voraussetzungen vor allem entsprechende Kompetenzen und eine digitale Kultur wichtig sind, die den Menschen in den Mittelpunkt der Digitalisierung stellt. Dabei geht es nicht nur um IT-Skills, sondern auch um Erfahrungswissen im Umgang mit neuen Technologien und im Umgang mit der zunehmenden Informationsflut. Das leben wir bei Lufthansa.

Was tun Sie konkret, um eine digitale Kultur zu forcieren?

Eine digitale Kultur rollen Sie nicht mal eben nebenbei aus wie etwa ein IT-Projekt – wir gehen Stück für Stück vor, angefangen bei unseren Führungskräften. Um hierarchische Strukturen aufzubrechen und Netzwerkkulturen zu fördern, haben wir schon vor ein paar Jahren eine Rotationspolitik für unsere Führungskräfte eingeführt und ihre Entscheidungsspielräume erweitert. Führungsseminare werden heute nicht mehr mittels Frontalunterricht, sondern in Selbstorganisation durchgeführt – so wie es im agilen Umfeld eben natürlich ist.

 

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Eine Maßnahme, die mir sehr am Herzen liegt, ist die Weiterentwicklung der Feedbackinstrumente. Einmal pro Jahr Ziele zu vereinbaren und nach einem halben Jahr zu schauen, wie es läuft, passt nicht mehr zum digitalen Umfeld. Wir experimentieren mit Instant Feedback Apps, mit denen man Kollegen z. B. direkt nach einem Meeting eine Rückmeldung oder ein Lob schicken kann. Und ich möchte dem Mitarbeiter die Kontrolle über die gesammelten Daten geben – so handhaben wir es beispielsweise bei unserem neuen Feedbacksystem in der Kabine. Es basiert auf Eigenverantwortung und Vertrauen, nur der Flugbegleiter kann nach dem Flug darauf zugreifen und seine Vorgesetzten bei Bedarf ansprechen.

Davon lernt aber noch kein Mitarbeiter programmieren!

Die Zukunft sieht nicht so aus, dass jeder Mitarbeiter Algorithmen schreiben muss. Wir erheben derzeit die benötigten digitalen Kompetenzen für jede Jobgruppe in unserem Unternehmen und überlegen, wie wir nützliche Fertigkeiten trainieren. Wir werden eine einfache Lern-App zur Selbsteinschätzung der digitalen Kompetenzen anbieten, so dass jeder Mitarbeiter einen Überblick über Entwicklungspfade erhält. Gleichzeitig erarbeiten wir ein neues Arbeitsplatzmodell, so dass jedem Mitarbeiter moderne Soft- und Hardware zur Verfügung steht. Unsere Mitarbeiter am Flughafen verwenden heute schon Apps, um Abflüge und Boarding-Prozesse zu steuern. Gerade verteilen wir 20.000 iPads an unsere Flugbegleiter. Sie können sie an Bord für eine personalisiertere Ansprache einsetzen, da die entsprechenden Kundeninformationen zur Verfügung gestellt werden.

Wenn Sie diesen Weg weitergehen, wo sehen Sie die Lufthansa Group in fünf bis zehn Jahren?

Auch in fünf Jahren wollen wir die „digitalste“ Aviation Group unserer Branche sein. Aber gerade in einer digitalisierten Welt werden es unsere Mitarbeiter sein, die letztlich den Unterschied zu unseren Wettbewerbern ausmachen. Deshalb möchte ich jeden Kollegen – ob in der Luft oder am Boden – gleichermaßen mit in die digitale Zukunft nehmen.

 


Veranstaltungstipp:

Future Talk: Politik trifft Praxis
Keynote von Dr. Bettina Volkens: Human Digitalisation
21.09.2017, 10:30 Uhr
Koelnmesse | Keynote Arena

Mehr Informationen unter: www.zukunft-personal.de

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