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Der Druck ständiger Erreichbarkeit und die Notwendigkeit sich mit neuen Technologien und Arbeitsformen auseinandersetzen zu müssen, kann laut Dr. Natalie Lotzmann, INQA-Themenbotschafterin Gesundheit und Leiterin des Bereichs Globales Gesundheitsmanagement bei der SAP AG, ein Gesundheitsrisiko für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer darstellen. Wie man dem entgegenwirken kann und wie Unternehmen ihre Mitarbeiter dabei unterstützen können, erläutert Lotzmann im Interview.

Welche Anforderungen stellt die Digitalisierung an die Arbeitenden von heute und morgen? 

Die Digitalisierung bedeutet in erster Linie Beschleunigung und Transparenz von Arbeitsprozessen. Die angestrebte Vereinfachung ist oft zunächst nicht spürbar oder wird zunächst zur Belastung, da man die neue Technologie erst beherrschen lernen muss. Im Bereich der Kommunikation verschwimmt zudem die Grenze zwischen Privatleben und Arbeit: Nach Feierabend oder im Urlaub Arbeitsmails zu bearbeiten, gehört für viele mittlerweile zum Arbeitsalltag.

 

Zeitdruck, neue Arbeitsabläufe, steigende Anforderungen führen zu enormen Anstieg von psychischen… Klick um zu Tweeten

 

Doch der Druck ständiger Erreichbarkeit und die Notwendigkeit sich mit ständigen Veränderungen, neuen Technologien und Arbeitsformen auseinander setzen zu müssen, kann ein Gesundheitsrisiko für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer darstellen. Zunehmender Zeitdruck, veränderte Arbeitsabläufe, steigende Flexibilitäts- und Leistungsanforderungen haben in den vergangenen Jahren zu einem enormen Anstieg gerade von psychischen Erkrankungen geführt. Folge für Unternehmen und Volkswirtschaft sind Ausgaben in Milliardenhöhe.

Wie kann man negativen Folgen entgegenwirken?

Um die Gesundheit am Arbeitsplatz sicherzustellen, müssen Unternehmen und Beschäftigte gemeinsam Strategien zur Bewältigung von Stress und zur Organisation von Arbeit im digitalen Wandel entwickeln.  Wichtig ist es, dass die physische und psychische Gesundheit der Mitarbeiter Bestandteil eines ganzheitlichen Personalmanagements gesehen werden, das auch die Qualität der Unternehmenskultur und der Führungskultur einbezieht.

 

#Gesundheit der Mitarbeiter muss Bestandteil eines ganzheitlichen #Personalmanagements sein! Klick um zu Tweeten

 

Digitalisierung ist nicht nur ein Stressfaktor, sondern eine wichtige Chance für qualitatives Arbeiten. Laut einer Umfrage der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (2016) wird das digitale BGM in den nächsten fünf Jahren an Bedeutung zunehmen. Gerade die „Digital Natives“, auch bekannt als Generationen Y und Z, fordern vermehrt den Einsatz digitaler Medien in der Arbeitswelt. Einer der größten Vorteile ist die transparente und schnelle Informationsbereitstellung: Unternehmen können unabhängig von Ort und Zeit ihre Mitarbeiter befragen, über anstehende Maßnahmen zur Gesundheitsförderung informieren oder Onlinecoachings anbieten. Spielerische Elemente z. B. in Apps können die Motivation zu einem gesundheitsförderlichen Verhalten steigern, gerade indem sie individuell gesetzte Gesundheitsziele visualisieren und Erfolge messbar machen, Stichpunkt Gamification. Wearables, Apps und Co. können Aktivitätsverhalten, Schlafdauer und Stresspegel dokumentieren. Damit erfahren Unternehmen einerseits ob Maßnahmen wirken und können diese evaluieren. Andererseits haben viele Beschäftigte Bedenken wegen des Datenschutzes. Hier braucht es einen unbedingten Schutz der Privatsphäre, sonst schadet dies nachhaltig dem Vertrauensverhältnis zwischen Unternehmen und Beschäftigten.

Damit Betriebe Möglichkeiten dazu ausloten, fördert die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) betriebliche Experimentierräume (www.experimentierräume.de). Eine gesundheitsfördernde Unternehmenskultur wird vor allem durch die Haltung der Führungskräfte geprägt: Gleichgültigkeit, permanenter Druck oder gar herablassendes Verhalten werden von Mitarbeitenden ebenso registriert, wie Respekt, Anerkennung, Wertschätzung der Leistung und sichtbare Investitionen in Gesundheit und Wohlbefinden. Dazu gehören die Bereitstellung ergonomisch günstig gestalteter Arbeitsplätze, die Berücksichtigung von Sicherheitsvorschriften, eine funktionierende zeitgemäße technische Infrastruktur, der Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen, eine wo immer möglich flexible Arbeitszeitgestaltung und lebensphasengerechte Arbeitszeitmodelle.

Zu einem ganzheitlichen betrieblichen Gesundheitsmanagement gehört es auch, frühzeitig Burn-Out-Symptome sowie andere psychische Beeinträchtigungen zu erkennen und ihnen durch geeignete präventive Angebote im Arbeitsumfeld entgegen zu wirken Eine gute Hilfestellung bietet das INQA-Projekt Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt (www.psyga.info).

Wie können Unternehmen ein Betriebliches Gesundheitsmanagement angehen?

Es ist wichtig, das Thema Prävention ganzheitlich zu sehen und die Bedürfnisse und Belastungen der Mitarbeiter zu kennen. Regelmäßige Mitarbeiterbefragungen sollten Problemfelder und Ressourcen im Bereich Stress und Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben erfassen. Das ist eine wichtige Erkenntnisgrundlage. Die Ergebnisse sollten von den Führungskräften in die Teams getragen werden und gemeinsam mögliche Handlungsfelder definiert werden. Die Ergebnisse der Gefährdungsanalysen sollten hier einfließen. Je nach betrieblicher Vereinbarung können hier Arbeitsgruppen oder Gesundheitszirkel Ergebnisse und Maßnahmen definieren und zur Umsetzung einleiten.

Bewährte Maßnahmen und Services, die die meisten großen Unternehmen anbieten, sind grundsätzlich auch in einem kleinen Betrieb umsetzbar. Nicht immer durch den Betrieb selbst, aber über externe Dienstleister oder in Kooperation zum Beispiel mit Krankenkassen. Das Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung und der Bundesverband mittelständische Wirtschaft haben dazu im Rahmen des Projekts “GeMit – Gesunder Mittelstand Deutschland” (www.bvmw.de/gemit) bundesweit Betriebsnachbarschaften gegründet. KMU können so im Verbund von einer Vielzahl an Maßnahmen profitieren.

Dabei unterstützt auch der INQA- Check „Gesundheit“ der (www.inqa-check-gesundheit.de). Er hilft bei der Erfüllung gesetzlicher Verpflichtungen und zeigt wo Unternehmen gemeinsam mit ihren Beschäftigten aktiv werden sollten. Zudem gibt es eine Handlungshilfe zur Einführung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Hier erfahren Unternehmen, wie sie Schritt für Schritt ein erfolgreiches BGM implementieren, Stolpersteine umgehen und ihr Tagesgeschäft durch Gesundheitsmaßnahmen flankieren können. KMU können sich dabei beraten und begleiten lassen, etwa indem sie das Thema im Rahmen des Audits „Zukunftsfähige Unternehmenskultur“ (www.inqa-audit.de) angehen oder dafür das ESF-Förderprogramm unternehmensWert:Mensch (www.unternehmens-wert-mensch.de) in Anspruch nehmen.

Auf der Messe Zukunft Personal spricht Dr. Natalie Lotzmann am Donnerstag, 21. September 2017, 12:00 – 12:45 Uhr bei den INQA-Thementagen (Forum 2, Halle 2.1) zum Thema „Kooperation im Gesundheitsmanagement – Profitieren von Betriebsnachbarschaften“. Weitere Podiumsgäste sind Dr. Birgit Schauerte, Leiterin Team Forschung und Entwicklung, Institut für betriebliche Gesundheitsförderung BGF GmbH Köln sowie Christian Schlößler, Personalreferent, GC-heat Gebhard GmbH.

Informationen zu kostenfreien Handlungshilfen für eine gesunde Unternehmenskultur erhalten Sie am Messestand der Initiative Neue Qualität der Arbeit – INQA (Halle 2.1, Stand S.22).

 


 

 

INQA_Themenbotschafterin_Gesundheit_Natalie_LotzmannDr. Natalie Lotzmann ist Themenbotschafterin Gesundheit der Initiative Neue Qualität der Arbeit. Die Fachärztin für Arbeitsmedizin ist seit 1997 im Personalmanagement der SAP tätig. Dort baute sie ein betriebliches Gesundheitswesen auf und verantwortet seit 2012 das globale Gesundheitsmanagement. Dr. Natalie Lotzmann ist Mitglied des Vorstandes des Netzwerkes Unternehmen für Gesundheit.

 

 

 

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