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Deutschland braucht in den Führungsetagen Denker mit digitaler DNA

Tobias-Kollmann

Foto: Prof. Dr. Tobias Kollmann

„Während amerikanische Geschäftsmodelle bereits weltweit erfolgreich sind, basteln deutsche Entrepreneure oft zu lange an der ersten Geschäftsidee, weil sie risikoscheu sind“ – so das Resümee von Prof. Tobias Kollmann zur Rolle der deutschen Wirtschaft im Digitalbereich. Der Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen plädiert dringend für einen digitalen Wertewandel in der deutschen Wirtschaft, aber auch bei den Arbeitnehmern. Denn die Digitalisierung dringt auch immer weiter in die Realwirtschaft ein, wo viele deutsche Unternehmen nach wie vor zwar Weltmarktführer sind. Um jedoch nicht abgehängt zu werden, müssen die Rahmenbedingungen für den digitalen Wandel schnell verändert werden, so der Experte.

Herr Prof. Kollmann, Google, Facebook oder Twitter – die großen digitalen Entrepreneure kommen alle aus dem Silicon Valley, eine vergleichbare deutsche Größe in diesem Bereich sucht man vergeblich. Warum tut sich die deutsche Unternehmenskultur anscheinend noch schwer mit der Digitalbranche?

Die Amerikaner, insbesondere die Unternehmer des Silicon Valley, haben sich von dem Zusammenbruch des neuen Marktes, also dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000, viel weniger einschüchtern lassen, als deutsche Unternehmer. Diese hat der Rückschlag so stark verunsichert, dass sie der Digitalisierung wesentlich skeptischer und zurückhaltender gegenüberstehen und sich wieder mehr auf traditionelle Geschäftsfelder in der Realwirtschaft zurückbesonnen haben. Die Amerikaner hingegen haben erkannt, dass das Platzen der Blase vor allem mit teilweise überzogenen Erfolgserwartungen an den neuen Markt zu tun hatte und nichts mit der Qualität der technischen Neuerungen an sich. Sie haben weiter auf Digitalisierung und Technisierung gesetzt und wurden in diesen Bereichen kreativ und innovativ, während die deutsche Wirtschaft eher konservativ und risikoscheu, ja fast schon ablehnend, agierte und wieder verstärkt auf Erfahrungswissen, statt auf Innovation setzte. Dank dieser Fehleinschätzung hinken wir in diesen Bereichen weiter stark hinterher und werden den Vorsprung, den andere sich bereits erarbeitet haben, meiner Meinung nach auch so schnell nicht wieder aufholen.

Sie beschreiben die Deutschen als eher konservativ und risikoscheu. Junge Gründer beklagen dies auch immer wieder. Während es in den USA fast schon zum guten Ton gehört, einmal im Leben eine Geschäftsidee in den Sand zu setzen, gilt es in Deutschland als Makel. Brauchen auch wir eine Kultur des Scheiterns?

In den USA wird das Scheitern tatsächlich als Chance verstanden. Die amerikanische Mentalität, voranzukommen, es bis nach ganz oben zu schaffen, die auf ihre Eroberungsmentalität zurückgeht, ist somit der beste Nährboden, den man sich für die Digitalisierung nur wünschen kann. Denn gerade in diesem Bereich braucht es Mut und Innovationsgeist, denn der Erfolg des Projekts steht oft noch in den Sternen. Dinge auszuprobieren, zu testen, in einer irrwitzigen Geschwindigkeit und mit einer enormen Reichweite, kann dann wiederum weltweit auch sehr schnell zu einem großen Erfolg werden, während sich deutsche Entrepreneure oft noch Gedanken über Details machen. Dieser Hang zur Perfektion und die mangelnde Risikobereitschaft sind in der digitalen Welt jedoch ein echtes Hindernis. Wir müssen nicht alle unsere Herangehensweisen über Bord zu werfen. Wir haben ja nach wie vor mit der Realwirtschaft einen starken Wirtschaftssektor, es geht Deutschland noch gut – die Betonung liegt allerdings auf „noch“. Wir müssen eben nur unsere Stärken mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung verknüpfen. Wir werden vielleicht nicht das nächste Rattenrennen um das nächste Unicorn-Startup mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar gewinnen. Aber wenn es uns gelingt, unsere klassische Industrie digital fit zu machen und die Zugänge zu den Märkten, die wir gerade im B2B-Bereich noch haben auch digital auszubauen, dann schaffen wir in diesem Bereich denke ich die Plattformen, die die Amerikaner im B2C-Bereich aufgebaut haben.

 

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Wie gelingt es, ein solches digitales Mindset in deutsche Unternehmen zu bringen?

Die Betriebe müssen erkennen, dass Digitalisierung nicht das Drücken eines Knopfes im EDV-System ist. Sie basiert auf dem Know-how digitaler Köpfe, die wissen, wie sich ein Unternehmen neue digitale Geschäftsbereiche aufbauen kann. Die wissen, wie man die Kunden, egal ob im B2B- oder B2C-Bereich, für sich interaktiv begeistert. Es genügt eben nicht ein Investment in die digitale Infrastruktur, es braucht auch Menschen, die digital denken. Doch genau diese Menschen fehlen meist noch in vielen Unternehmen. Es genügt übrigens auch nicht, diese Know-how-Träger nur in den EDV-Abteilungen einzusetzen. Alle Unternehmensbereiche müssen mit ihnen durchsetzt werden. Jetzt wird es allerdings schwierig, denn von diesen digitalen Köpfen gibt es in Deutschland noch wenige. Wenn ein mittelständisches Unternehmen zwar Weltmarktführer in seinem Bereich ist, für seinen Standort im ländlichen Raum dann aber eine Stellenanzeige schaltet, wird es kaum jemanden dieser wenigen digitalen Köpfe zu sich locken. Das heißt, Firmen müssen nicht nur in die aktuelle Ausbildung dieser Fachkräfte investieren, sondern auch in die Weiterbildung ihres Bestandspersonals. Unternehmen müssen gezielt die Mitarbeiter auf die Reise in das digitalisierte Zeitalter mitnehmen, die daran Interesse zeigen. Selbst ältere Arbeitnehmer besitzen doch oft schon seit zehn Jahren ein Notebook und Smartphone. Und dem Personal muss vermittelt werden, dass es nicht mehr möglich ist, mit dem einmal gelernten, dem Erfahrungswissen, ein ganzes Berufsleben zu bestreiten – auch wenn es manchmal schmerzlich ist. Mitunter müssen eben auch Manager wieder die Schulbank drücken. Apropos Schulbank: Wir brauchen auch an Schulen und Universitäten eine Digitalkultur. Programmieren als dritte Fremdsprache in Schulen oder Fächer wie E-Entrepreneurship oder Digitale Wirtschaft an Hochschulen, sollte beispielsweise selbstverständlich sein.

 

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Stichwort „Best Practice“: Welche deutschen Unternehmen haben ihre digitalen Hausaufgaben bereits gemacht?

Die Firma Bosch beispielsweise hat in all seinen Produkte Sensoren, die messen, wie sie genutzt werden. Ganze Abteilungen werten dann die Ergebnisse aus, um Rückschlüsse auf das Nutzerverhalten zu ziehen und die Produkte weiter zu entwickeln, Prozesse zu verbessern oder sogar neue digitale Geschäftsmodelle aufzubauen. Die Firma Klöckner wird von Vielen nach wie vor als typischer Stahlkocher gesehen, dabei hat das Unternehmen mit kloeckner i, einer digitalen Plattform für den Stahlhandel, ein zweites Standbein in der digitalen Welt aufgebaut. Mit seiner neuesten Version des Thermomix ist Vorwerk wiederum der Einstieg in die Industrie 4.0 geglückt, denn durch entsprechende Hardware kann das Gerät über das Internet die Rezepte abrufen und auf dieser Basis wertvolle Nutzungsstatistiken liefern. Etwa wann etwas wie gekocht wird und welche Zutaten dafür gebraucht werden. Diese Daten sind für den Lebensmittelhandel von hohem Interesse. In diesem Umfeld versucht auch ein Unternehmen wie etwa Rewe den klassischen Supermarkt um Online-Bestellungen im Netz zu erweitern. Es gibt also durchaus auch in Deutschland Beispiele für Firmen, die eine reale mit einer digitalen Welt verknüpfen können.

Welche strukturellen Veränderungen müssen Firmen vollziehen, um dem digitalen Wandel gerecht zu werden?

Wir brauchen bereits in der Führungsspitze der Unternehmen die Denker und Lenker, die die Digitalisierung als Thema für sich erkannt haben, wenn nicht sogar eine Art „digitale DNA“ ihr eigen nennen, also Führungskräfte, die in der digitalen Welt groß geworden sind. Auch in den Kontrollgremien der Unternehmen braucht es Mitglieder, die sich der Bedeutung der Digitalisierung bewusst sind, etwas davon verstehen und dem Vorstand bei entsprechenden Entscheidungen rund um digitale Projekte die notwendige Rückendeckung geben, auch wenn sich diese nicht sofort im nächsten Umsatzrekord der Firma und entsprechenden Boni widerspiegeln. Dann braucht es in jeder Abteilung bilaterale Kompetenzen, das heißt sowohl digitale als auch fachliche, die in ihren Entscheidungen gleichgestellt sein müssen. Und Firmen sollten sich außerhalb des Tagesgeschäfts eine digitale Experimentierwiese schaffen, auf der sie kreativ und innovativ an das Thema Digitalisierung herangehen, mit Start-ups kooperieren und Dinge ausprobieren können. Das ist eine Chance, außerhalb der eigentlichen Organisation, die nur mittel- und langfristig umgebaut werden kann, auch kurzfristig mal neue Wege zu gehen.

 

Wir brauchen in der Führungsspitze Denker & Lenker, die eine Art „#digitale DNA“ ihr eigen… Klick um zu Tweeten

 

Die Wirtschaft steckt noch mitten in der Phase Arbeit 4.0, da klopft bereits der Reload 5.0 an die Tür: Welche digitalen Herausforderungen zeichnen sich für die Zukunft bereits jetzt ab und wie können sich Firmen bereits heute darauf vorbereiten?

Wenn ich das genau wüsste, würde ich in die entsprechenden Technologien und in die zugehörigen Start-ups investieren und vielleicht sehr reich werden. Nein, Spaß beiseite. Die digitale Welt wandelt sich in einem derart hohen Tempo, dass es völlig unmöglich ist, eine solche Prognose sicher zu treffen. Die viel größere Herausforderung wird es deshalb sein, jederzeit schnell und flexibel auf Veränderungen durch die Digitalisierung reagieren zu können. Agil zu werden und zu bleiben, das ist die derzeit größte Herausforderung für die Wirtschaft.

 

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 Veranstaltungstipp:

Digitale Köpfe als Erfolgsfaktor für Deutschland 4.0
Keynote von Tobias Kollmann, Universitätsprofessor für E-Business und E-Entrepreneurship
19.09.2017, 10:00 Uhr
Koelnmesse | Keynote Arena

Mehr Informationen unter: www.zukunft-personal.de

 


 

TK_HörsaalZur Person

Prof. Dr. Tobias Kollmann, Jahrgang 1970, ist Professor für BWL und Wirtschaftsinformatik. Seit 2005 ist er Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen. Er studierte an den Universitäten Bonn und Trier Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Marketing und promovierte 1997 an der Universität Trier zur Akzeptanz innovativer Telekommunikations- und Multimediasysteme. Seit 2013 ist Kollmann Vorstand des 24-köpfigen Beirats „Junge Digitale Wirtschaft“ des Bundeswirtschaftsministeriums.

 

 

 

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1 Comment

  1. Nachdem im Beitrag von einem „Digitalen Mindset“ die Rede ist, aber keine eigene Definition erfolgt, kann mein Blogbeitrag möglicherweise hilfreich für das Verständnis sein:
    https://persoblogger.de/2017/03/19/definition-digitales-mindset-was-ist-das-und-welche-bedeutung-hat-es-fuer-personaler-und-bewerber/

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