Ranga-Yogeshwar

Foto: Ranga Yogeshwar

Der gesellschaftliche Umgang mit der Digitalisierung ist auch zu einer großen Herausforderung in der Arbeitswelt geworden, sagt Diplom-Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Denn das hohe Tempo der Innovationen verlangt Arbeitnehmern auch ein hohes Maß an Offenheit und Flexibilität ab. Anders als manch anderer Wissenschaftler sieht Yogeshwar die Veränderungen aber nicht  aus einer kulturpessimistischen Perspektive. Algorithmen werden Arbeitnehmer nicht einfach ersetzen – vorausgesetzt, der Mensch setzt sich aktiv mit ihnen auseinander. Manches Berufsbild wird es dennoch bald nicht mehr geben, glaubt der Journalist – das kann allerdings auch von Vorteil sein.

Herr Yogeshwar, in keiner Phase der Geschichte hat es einen vergleichbaren Innovationsschub gegeben, wie in unserer Zeit Das sagen Sie und auch viele andere Wissenschaftler. Die Gesellschaft erlebe deshalb einen Übergang von der „rücksichtigen“ zur „vorsichtigen“ Gesellschaft, so Ihre These. Was bedeutet dies konkret?

Bislang war es so, dass Innovationen häufig an bereits bestehende Techniken anknüpfen konnten. Oft waren es Optimierungen von Prozessen oder Produktionsmethoden. Dieses Prinzip funktioniert in Zeiten der Digitalisierung nicht mehr und das möchte ich Ihnen gerne durch ein Beispiel veranschaulichen: Die Automobilindustrie in Deutschland ist nach wie vor sehr erfolgreich. Die Frage dahinter ist jedoch, wird sie dies auch in zehn Jahren noch sein? Ihre Stärke liegt beispielsweise in der Weiterentwicklung komplexer Verbrennungsmotoren. Doch müsste sie nicht viel mehr ganz neue Wege gehen und Mobilität neu denken? Die Tatsache, dass sich die Anzahl der Zulassungen von Neuwagen seit 1995 bis heute fast halbiert hat, ist ein klares Indiz für den Wandel. Junge Menschen verzichten häufig auf ein eigenes Auto und nutzen Carsharing-Modelle, ein einziges Auto in so einem System ersetzt 20 private Pkws. Durch die Digitalisierung wird sich die Mobilität radikal verändern. Das heißt, die Industrie, die ganze Gesellschaft, muss für Innovationen nach vorne schauen, nicht zurück. Vielen fällt es allerdings noch schwer, die Veränderungen umzusetzen, sie stehen ihnen teilweise noch skeptisch, eben vorsichtig gegenüber. Der gesellschaftliche Umgang mit dem Neuen ist zu einer großen Herausforderung geworden.

Die Industrie, die ganze Gesellschaft, muss für #Innovationen nach vorne schauen, nicht zurück.… Klick um zu Tweeten

Wie lässt sich diese Erkenntnis auf die Arbeitswelt übertragen?

Gerne gebe ich Ihnen wieder ein Beispiel, diesmal aus meinem eigenen Arbeitsumfeld, dem Journalismus. Denn die Medien werden wie kaum ein anderer Bereich von der digitalen Revolution erfasst. Hier können wir eine Umkehr der Fließrichtung beobachten: Aus ursprünglichen Massenmedien werden Medien der Massen. Das bedeutet, wir haben Bereiche, in denen der Informationsfluss nun genau andersherum läuft. Ein aktuelles Beispiel ist die Berichterstattung über die Wirbelstürme in den USA. Viele der Informationen darüber werden aus den sozialen Netzwerken gewonnen. Das bedeutet, dass sich klassische Berufsbilder im Journalismus ändern, wie beispielsweise das des Fotoreporters, dessen Arbeit nun teilweise ersetzt wird durch Fotoposts auf Facebook, Twitter oder Instagram. Dadurch werden Medienkonzerne eher zu Betreibern von Portalen, auf denen News aggregiert werden, als weiter ihr Kerngeschäft der klassischen Berichterstattung abzudecken. Dafür müssen ganze Konzerne von Grund auf umgebaut werden. Für den einzelnen Arbeitnehmer bedeutet das wiederum, verschiedene Kanäle bedienen zu müssen. Gab es vor einigen Jahren noch eine klare Trennung zwischen Print-, Hörfunk- und Fernsehjournalismus, verschmelzen diese Welten heute miteinander. Ein Journalist muss nun alle gleichzeitig bedienen und dafür auch die nötige Technikkompetenz mitbringen. Heute kann man mit Hilfe einer App beispielsweise bereits Hörfunk machen. Und diese Entwicklung lässt sich auf jeden Beruf übertragen. Ein Heizungsinstallateur, der vor 15 Jahren in seiner Ausbildung noch das Schweißen gelernt hat, muss sich heute mit elektronischen Steuerungseinheiten und mit einer Fernwartung per Software auskennen. Die Berufsprofile ändern sich also, wir müssen ständig dazulernen und flexibel bleiben. Wer nicht am Ball bleibt, ist weg vom Fenster.

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Welche technischen Innovationen beeinflussen Ihrer Meinung nach Arbeitnehmer derzeit ganz besonders?

Gerade im Bereich des Deep Learning und der künstlichen Intelligenz gibt es bemerkenswerte Fortschritte. Computer übertreffen den Menschen bereits bei komplexen Aufgaben wie Mustererkennung oder der raschen Verknüpfung von Inhalten. Wieder nenne ich Ihnen ein Beispiel: In der Medizin werden Röntgenbilder oder die Daten von Magnetresonanztomographen bislang von Radiologen ausgewertet. Nun hat man festgestellt, dass neuronale Netze in der Tumordiagnostik mitunter besser sind als der Mensch, denn sie können zuverlässiger Krebszellen aufspüren. Das bedeutet also, dass die Radiologie und das Arbeitsprofil der Ärzte sich massiv verändern.  Der klassische Radiologe könnte dann irgendwann arbeitslos werden, zumindest in der Tätigkeit, die er bislang ausgeübt hat. Dasselbe gilt für Juristen. Forscher haben beispielsweise bei Gerichtsprozessen festgestellt, dass Maschinen die Beweislage präziser ausgewertet und schneller Verbindungen zu Urteilen in ähnlichen Prozessen hergestellt haben. Wir stehen im Bereich des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz erst am Anfang der Entwicklung.

Ist die Angst vieler Menschen vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze also berechtigt?

Natürlich werden manche der klassischen Berufsbilder durch die Digitalisierung verschwinden. Dafür kommen neue dazu. Fertigungsprozesse, zum Beispiel bei der Schuhproduktion, werden womöglich durch die Automatisierung aus den Billiglohnländern wieder nach Deutschland verlagert. Da ist vieles im Fluss. Dennoch werden wir einen massiven Wandel erleben und dieser macht vielen Menschen Angst. Veränderungen haben immer unsere Gesellschaft verunsichert. Erinnern wir uns: Das Auto galt am Anfang des 20. Jahrhunderts noch als todbringende Maschine, heute lachen wir darüber. Unsere heutige Herausforderung besteht darin, einen reflektierten Fortschritt aktiv anzugehen, ihn gemeinsam zu gestalten und die Chancen des Neuen zu erkennen.

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Welche Wechselwirkung hat die Digitalisierung wiederum auf das Privatleben der Menschen?

Wir können auch im Privatleben eine enorme Umwälzung beobachten in der Art und Weise, wie wir unseren Alltag gestalten. Nehmen Sie beispielsweise das Thema Urlaub: Früher wurde eine Reise bis ins kleinste Detail im Reisebüro geplant, auch der Weg zum Hotel, man ließ sich beispielsweise abholen oder nahm ein Taxi, weil es vor Ort schwierig war, den Transport zu organisieren. Junge Menschen reisen heute in eine Stadt und wissen noch gar nicht, wo sie übernachten werden. Sie zücken das Smartphone und suchen eine Unterkunft über Airbnb  oder booking.com, finden mit Google Maps allein dorthin und haben sogar verstanden, dass die Preise bei solchen Spontanbuchungen oft auch günstiger sind, als hätten sie zwei Wochen zuvor gebucht. An diesem Beispiel sehen sie, wie die Digitalisierung die Art und Weise verändert hat, wie wir unseren Alltag organisieren. Da lässt sich ein regelrechter Bewusstseinswandel beobachten. Natürlich setzt die Dauerpräsenz des Smartphones den Menschen auch unter Stress. Aber da verweise ich noch einmal darauf, dass die Gesellschaft den Umgang mit der Digitalisierung selbst gestalten kann. Wer nicht dauernd erreichbar sein möchte, schaltet sein Smartphone einfach aus.

#Digitalisierung verändert die Art und Weise, wie wir unseren Alltag organisieren - aber wir können den Umgag… Klick um zu Tweeten

Unternehmen wie VW oder Daimler schalten die E-Mail-Accounts ihrer Mitarbeiter nach Feierabend, an Feiertagen oder im Urlaub einfach ab. Sie selbst haben sich im August eine digitale Auszeit genommen, waren einen Monat auch telefonisch nicht zu erreichen. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser recht radikal anmutenden  Art der Abstinenz gemacht?

Ich bin zunächst einmal sehr erstaunt darüber, wie viel positiven Zuspruch ich immer wieder auf meine digitalen Auszeiten bekomme, es war ja nicht meine erste. Auf Dauer pendelt sich eine Art Grammatik ein und es entstehen neue Regeln im Umgang mit dem Neuen. Das braucht natürlich etwas Zeit. Wenn man beispielsweise heute mit Freunden essen geht, können sich doch die Meisten darauf einigen, dass das Smartphone in der Tasche bleibt, damit man sich dem Gegenüber widmen kann. Ebenso gibt es in vielen Familien ein „Handyverbot“ am Esstisch. Das hat nichts mit Technikfeindlichkeit zu tun sondern mit einem gemeinsamen Konsens. Wir müssen eben selbst aktiv werden.

Ein Blick nach vorne: Welche technischen Neuerungen werden die Menschen in naher Zukunft so schnell in ihr Leben integrieren, wie das Smartphone – und welche Fehler sollten sie dabei nicht wiederholen?

Ich sehe vor allem immense Fortschritte im Bereich Big Data, Künstliche Intelligenz und dem Gebrauch von Algorithmen. In nicht allzu ferner Zukunft wird nicht mehr ein Bankberater, sondern ein PC darüber entscheiden, ob Sie einen Kredit bekommen. Die Gründe für diese Entscheidung wird Ihnen die Bank auf Ihre Nachfrage jedoch nicht nennen können, denn allein der dahinterliegende Algorithmus hat Ihre Kreditwürdigkeit beurteilt. Betrachtet man das aus philosophischer Sicht, erleben wir den Übergang von der Kausalität zur Korrelation. Das heißt, dass Algorithmen auf einer abstrakten, rein rationalen und für uns nicht nachvollziehbaren Ebene entscheiden. Dabei beachten sie jedoch nicht in Gänze all das, was einen Menschen ausmacht. Das führt zu einer Diskrepanz. Ich mache das nochmal an einem Prozess aus der Arbeitswelt deutlich: Wenn Sie eine Stelle neu besetzen wollen, bewerten Sie einen Bewerber aufgrund seines Lebenslaufs auf dem Papier als perfekten Kandidaten, beim persönlichen Treffen merken Sie allerdings, dass es doch nicht passen wird. Es gibt also einen Katalog an Kriterien, der nicht auf der technischen Ebene abgebildet werden kann. Und das dürfen wir nicht vergessen.

 

Veranstaltungstipp:

Eine Gesellschaft im Umbruch – wie Innovationen unser Arbeiten beeinflussen
Keynote von Ranga Yogeshwar, Diplom-Physiker und Wissenschaftsjournalist
21.09.2017, 15:00-16:15 Uhr
Koelnmesse | Keynote Arena

Mehr Informationen unter: www.zukunft-personal.de

 


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Zur Person

Ranga Yogeshwar, Jahrgang 1959, gehört zu den führenden Wissenschaftsjournalisten Deutschlands. In Fernsehsendungen wie „Quarks & Co“,„Wissen vor 8“ oder „Die große Show der Naturwunder“  vermittelt er wissenschaftliche Themen für ein breites Publikum. Seine Bücher „Sonst noch Fragen“ oder „Ach so“ waren Bestseller und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Yogeshwars besondere Aufmerksamkeit gilt den Bereichen Innovation und Bildung. Im Oktober erscheint seine neues Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft: Geschichten aus einer Welt im Wandel“, in dem er sich mit Themen wie künstlicher Intelligenz, Gentechnik und der digitalen Revolution auseinandersetzt.

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