Zukunft Personal - Gescheiter scheitern

Quelle: Andrea Enderlein – Zukunft Personal

Wir leben in einer auf Optimierung fokussierten Welt. Im Arbeitsleben gilt ein schnörkelloser, linear verlaufender Karriereweg als erfolgreich. Von CEOs und einflussreichen Persönlichkeiten sehen wir ihr Standing an der Spitze und bewundern sie dafür. Wie steinig der Weg dorthin war, findet selten bis gar keine Beachtung. In Deutschland werden Rückschritte allzu häufig als Misserfolg gewertet und als zu tabuisierendes Makel betrachtet. Mit dem neuen Format „Gescheiter scheitern“ brach die HR-Fachmesse „Zukunft Personal“ das Tabu – und der positive Zuspruch der zahlreichen Zuhörer in der bestens gefüllten Keynote-Area gab den Messeveranstaltern recht. Im Mittelpunkt stand die Frage danach, wie wir mit Fehlern umgehen und was wir aus ihnen für unsere Karriere lernen können?

In kurzweiligen Interviews stellten drei Persönlichkeiten ihre Geschichte und die daraus gewonnenen Erfahrungen vor.

Der Aufbruch zu etwas Neuem

Den Anfang machte Markus Bonsels, der auf eine langjährige Erfahrung als HR-Manager zurückblicken kann. Nach einer erfolgreichen Konzernkarriere bei Johnson & Johnson wechselte er als weltweiter HR-Chef zu Beiersdorf. Doch als er seine Tätigkeit dort aufnahm, war der CEO, der ihn eingestellt hatte, nicht mehr im Unternehmen. Nicht nur, dass es zwischen ihm und dem neuen Chef nicht rund lief, er stellte auch fest, dass die Unternehmenskultur von Beiersdorf nicht zu ihm passte. Nach außen hin lief es gut, Bonsels konnte viele Themen bewegen und umsetzen. Gleichwohl merkte er, dass ihm der Rückhalt aus dem Vorstand fehlte.

Um sich selbst noch einmal zu beweisen, dass er nicht nur „Johnson & Johnson“ kann, und sein Selbstbewusstsein wieder zu stärken, wechselte er als HR-Chef zu Amazon. Doch schon länger kam in Bonsels der Wunsch nach einem klaren Schnitt auf. „Ich hatte damals das Gefühl, alles gesehen zu haben“, erinnert er sich heute, schränkt aber ein: „Das ist natürlich Unsinn. Es gibt immer etwas, das man noch nicht kennt.“

Gescheiter scheitern auf der #ZP17: Gereizt hat Markus Bonsels der Aufbruch zu etwas Neuem. Klick um zu Tweeten

Gereizt hat ihn der Aufbruch zu etwas Neuem: „Es war kein Abschließen mit dem bisherigen Aufgabengebiet.“ Und so studierte er gemeinsam mit seiner Frau in Frankreich Weinbau- und Önologie. Inzwischen leitet er das Weingut Bonsels & Bibo in Oestrich-Winkel und ist nebenberuflich als HR-Berater tätig.

Von der Balance zwischen Unternehmensberatung und Gründung

Zukunft Personal - Gescheiter scheitern - Daria Saharova

Quelle: Andrea Enderlein – Zukunft Personal

Die gebürtige Lettin Daria Saharova begann ihre Karriere bei KPMG und arbeitete später bei der Investmentbank Jefferies. Für SevenVentures, zugehörig zur ProSiebenSat.1 Mediengruppe, und Holtzbrinck arbeitete sie als Investmentmanagerin.

Ihr erstes eigenes Unternehmen gründete sie parallel zu ihrer Berufstätigkeit für eine Fondsgesellschaft. Der Spagat war alles andere als leicht. „Irgendwann muss man sich entscheiden: Der Job eines Investors ist ein 150% Job, der Job eines Gründers auch. Auf Dauer 300% geben, ist nicht möglich“, blickt Saharova auf die Zeit zurück. Beides aufgeben? Als Lernerfahrung hat sie mitgenommen, künftig schneller zu handeln, schneller das Produkt, auf dem die Gründung basiert, zu testen und nicht zu perfektionistisch an die Sache heranzugehen. Heute ist sie Partnerin bei Vito One, ein Unternehmen, das in junge Start-ups investiert.
Zudem coacht sie Gründerinnen und Gründer, damit sie von ihren Fehlern profitieren können. Dabei rät Saharova dazu, sich zu fragen, was man zum damaligen Zeitpunkt hätte anders machen können. Mit dem Wissen von heute zurückzuschauen und sich Selbstvorwürfe machen, hält sie für kontraproduktiv.

Mit Anstand in die Liquidation

Prof. Dr. Andrea Steinhilber stammt aus einer Unternehmerfamilie. Sie hatte ursprünglich nicht geplant, das Familienunternehmen, ein Sägewerk, als Geschäftsführerin zu übernehmen. Doch nachdem ihr Vater frühzeitig starb, stieg sie in das Geschäft ein. Bei der Übernahme stellte sich aber heraus, dass es insolvenzreif ist. Trotzdem gelang es ihr innerhalb von zehn Jahren, das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Letztlich gab es für das Sägewerk aber keine Zukunft.

Die Entscheidung, das Geschäft in die Liquidation zu führen, sei ihr nicht leichtgefallen, sagt Prof. Steinhilber. Doch sei es unumgänglich gewesen. Besonders schwierig war es auch, weil in der Kleinstadt jeder jeden kannte und ihr somit die Schicksale ihrer Mitarbeiter sehr vertraut waren. Ganz bewusst zeigte sie sich schnell wieder in der Öffentlichkeit. „Ich wollte mich nicht verstecken und konnte zu der unternehmerischen Entscheidung stehen.“ Viele mittelständische Unternehmen steckten in einer Klemme, meint Prof. Steinhilber. „Sie können kaum leben, haben aber auch nicht die Möglichkeiten und finanziellen Mittel, das Unternehmen zu schließen.“ Sie bilanziert, dass sie das Sägewerk in den zehn Jahren so geführt und aufgestellt hat, dass es mit Würde und Anstand geschlossen werden konnte. Existenzangst hatte sie angesichts der Schließung des Unternehmens nicht.

Im Anschluss absolvierte sie eine Ausbildung zur systemischen Beraterin, um Unternehmen zu unterstützen, klar zu sehen, wo Stärken und Schwächen liegen. „Für das Scheitern und das Gründen gibt es ähnliche Kompetenzen: Für mich heißt das einfach, Mut zu haben. Nicht als emotionalen Reflex, sondern den Mut zu haben, die Dinge anzuschauen, wie sie sind, und sich klar zu überlegen, welche Konsequenzen einer Entscheidung man bereit ist auszuhalten,“ resümiert Prof. Dr. Andrea Steinhilber abschließend. Heute ist sie Studiengangsleiterin BWL-Industrie an der DHBW Stuttgart.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on LinkedInShare on Google+Email this to someone