Quelle: Stephan Eberharter

Quelle: Stephan Eberharter

Nach Rückschlägen fällt es schwer, wieder an alte Erfolge anzuknüpfen. Stephan Eberharter hat sportlich alles erreicht, viel verloren und sich zurückgekämpft: Er gilt heute als Ski-Alpin-Legende. Wohl auch, weil er gezeigt hat, wie mit Engagement, Willenskraft und Leidenschaft Resilienz entsteht. Auf Österreichs größter HR-Fachmesse Personal Austria gibt er Einblicke in die Denkweise von Siegertypen.

Herr Eberharter, 1991 gewannen Sie den WM-Super-G, legten im Slalom der Kombination eine herausragende Bestzeit hin, und wurden mit gerade mal 21 Jahren Doppelweltmeister. Nach Ihren fulminanten Erfolgen sprachen die Medien von einem „kometenhaften Aufstieg“. Zwei Jahre später verletzten Sie sich schwer und mussten pausieren. Wie haben Sie sich motiviert, nach diesem Rückschlag wieder aufzustehen und weiter zu machen?

Ein wesentlicher Faktor war sicherlich, dass ich von Kindesbeinen an den Skisport immer sehr gerne betrieben habe. Meine Eltern waren beide begeisterte Skifahrer, so wurde es mir in die Wiege gelegt.
Bis zu meinen ersten Erfolgen Anfang der neunziger Jahre war es ein langer Weg. Dadurch war mir frühzeitig bewusst, dass es im Sport Höhen und Tiefen gibt. Auf Krisen habe ich mich mit gesundem Menschenverstand mental vorbereitet.

Sie hatten nach Ihren ersten großen Erfolgen eine fünf jährige Durststrecke mit Verletzungen, Materialproblemen und Formtiefs und wurden daraufhin aus dem Kader eliminiert. Wie sind Sie emotional damit umgegangen und vor allem warum haben Sie weitergemacht?

Ich hatte schon in jungen Jahren eine sehr erfolgreiche Karriere. Doch ich wusste auch, dass es wahrscheinlich so nicht immer weiter gehen und es irgendwann zu Problemen kommen kann. Ich war also mental schon darauf vorbereitet und die Enttäuschung war daher nicht so groß als die Krise begann. Dass ich weitergemacht habe hatte zwei Gründe: Ich liebte den Sport und ich war einfach zu jung um meine Karriere zu beenden.

Wie können Arbeitgeber, Führungskräfte und Arbeitnehmer konstruktiv mit Enttäuschungen umgehen?

Enttäuschungen gehören zum Leben dazu. Es gibt keinen Menschen, der nur Erfolg hat. Wichtig ist, nach Enttäuschungen rational zu reflektieren und daraus zu lernen, um die eigenen Stärken weiterzuentwickeln. Das ist der erste konkrete Schritt in Richtung des nächsten Erfolgs.

Wie gelingt Führungskräften und CEOs eine optimale Balance zwischen persönlicher emotionaler Stärke, Empathie mit den Mitarbeitern und rationalem unternehmerischem Urteilsvermögen?

In diesem Zusammenhang gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Sportlern und Führungskräften: Als Sportler ist man in der Regel Einzelkämpfer und muss nur sich selbst motivieren. Als Geschäftsführer oder als Angestellter mit Personalverantwortung sind Sie für Ihr Team verantwortlich. Sie müssen verschiedene Charaktere motivieren und hinter einem Ziel vereinen. Voraussetzung dafür ist, dass seine Mitarbeiter gut zu kennen und ihre Stärken, Schwächen und Leistungsfähigkeit richtig einzuschätzen.

Eberharter: Als Chef muss man seine Mitarbeiter gut kennen und die Schäwchen und Stärken richtig einschätzen.… Klick um zu Tweeten

CEO – Chief Educational Officer: In den Vereinigten Staaten sehen sich Manager oft als „Coaches“. Halten Sie diese Herangehensweise für sinnvoll und welche Eigenschaften zeichnen für Sie einen erfolgreichen Trainer aus?

Bildlich gesprochen: Der Leader muss mit der Fahne voraus in die Schlacht ziehen, dann werden ihm die Truppen bereitwillig folgen. Ein guter Trainer lebt das Verhalten, das er von seinem Team sehen möchte, vor: Er ist stets hochmotiviert und hilfsbereit, hat ehrliches Interesse an seinen Teammitgliedern und ist bestens ausgebildet. Gleichzeitig lässt er Freiheiten und greift gegebenenfalls konstruktiv korrigierend ein. Von meinem Vater habe ich diesbezüglich viel gelernt, er war mir ein sehr gutes Vorbild.

Über Ihren langjährigen Konkurrenten Hermann Maier haben Sie in einem Interview gesagt, er sei „nach seinem Motorradunfall nicht mehr so verbissen gewesen“. Wo liegt die Grenze zwischen gesundem Ehrgeiz und Verbissenheit?

Diese Grenze legt letztendlich jeder für sich selber fest. Ich habe mich als Sportler immer stark engagiert, weil es mir Spaß gemacht hat. Eine gute Wettkampfvorbereitung war mir unheimlich wichtig. Gleichwohl habe ich Wert daraufgelegt, auch mal abzuschalten und gedanklich vom Rennalltag los zu kommen. Das ist auch eine Charakterfrage: Manche nehmen sich die Zeit für andere Aktivitäten neben dem Sport, andere brauchen eine sehr fokussierte Vorbereitung. Ich habe Kollegen erlebt, die so verbissen waren, dass sie kurz vor dem Start nicht mehr ansprechbar waren. Zu einem erfolgreichen Rennen gehört übrigens immer auch eine Portion Glück. Bei aller Vorbereitung hat man nicht alle Faktoren in der Hand.

Wie passen in der heutigen Zeit Durchsetzungsfähigkeit und Teamgeist zusammen; muss man egoistisch sein, um beruflich voranzukommen?

Ski Alpin ist ein Individualsport, trotzdem trainieren die meisten im Team. Man arbeitet also unmittelbar mit dem größten Konkurrenten zusammen. Das erfordert Toleranz, auch wenn eine gewisse Portion Egoismus wichtig ist für den unbedingten Erfolgswillen. Ich habe immer gerne im Team trainiert und habe dabei viel über Werte und den Umgang miteinander gelernt: Wenn ein anderer besser ist als du und gewinnt, gebieten es Respekt und Größe, demjenigen aufrichtig zu gratulieren.
Auch der prominenteste Superstar ist von Menschen abhängig. Dies anzuerkennen, sich an Teamregeln zu halten und Wertschätzung entgegenzubringen, ist für die persönliche Entwicklung unheimlich bedeutsam. Das gilt sowohl für Sportler als auch für Manager und Führungskräfte.

Bei einer Ski-Abfahrt sind die Sportler teils mit weit über 100 km/h unterwegs. Sie müssen in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen. Durch die Digitalisierung wird auch die Arbeitswelt immer schnelllebiger. Wie lassen sich unter Zeitdruck zielführende Entscheidungen treffen?

Die Erfahrung spielt hier eine entscheidende Rolle. Über die Jahre lernt man verschiedene Situationen kennen und ein entsprechendes Verhalten. Genauso ist es als CEO: Da probieren Sie Dinge aus und wenn sie funktionieren, stärkt das Ihr Selbstvertrauen. Rückschläge und Fehler gehören dazu, daraus lernt man.

Sie sagen, dass trotz Aufregung vor dem Start und vielen Stürzen Ihrer Kollegen Sie nie Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Sports gehabt haben. Die Leidenschaft war Ihr größter Ansporn. Muss man für etwas brennen, um erfolgreich zu sein?

Ja, das muss man, sonst kann es auf Dauer nicht funktionieren. Es ist schon ambivalent, wir verbinden mit dem Begriff „Leidenschaft“ Begeisterung. Tatsächlich bedeutet es aber etwas Anderes: Leiden und Schaffen. Man muss folglich durchhalten und sich auch mal quälen, um ein Ziel zu erreichen.

Leidenschaft bedeutet: Leiden und Schaffen. Man muss durchhalten und sich auch mal quälen, um ein Ziel zu… Klick um zu Tweeten

Besteht dabei die Gefahr, leichter zu verbrennen, sprich, ein Burnout zu bekommen oder seine Work-Life-Balance unausgewogen zu gestalten?

Die Gefahr besteht durchaus. Der Körper signalisiert dem Sportler, wann die Belastungsgrenze erreicht ist. Er benötigt eine gewisse Regenerationszeit und wenn er zu früh wieder belastet wird, verschlechtert sich der Trainingszustand sogar. Die richtige Balance zu finden obliegt jedem selber. Voraussetzung ist, dass man sich selber gut kennt und die Signale seines Körpers wahr- und ernstnimmt.

Apropos Work-Life-Balance: Sportler planen gezielt Regenerationsphasen ein. Sollten Arbeitgeber mehr Wert auf Erholungsphasen ihrer Mitarbeiter legen und ihren Mitarbeitern mehr Möglichkeiten zur freien Gestaltung ihrer Arbeitszeit lassen? Was können sie dabei vom Trainingsplan eines Hochleistungssportlers lernen?

Die Kunst erfolgreicher Führung besteht darin, die Stärken und Schwächen seiner Teammitglieder richtig einschätzen zu können. Dazu gehört auch die mentale Verfassung. Nicht jeder ist gleich belastbar. Hier ist aktives Teammanagement gefragt.

Sie sagen, dass sich herausragende Skifahrer am Ende durch ihre mentale Stärke voneinander unterscheiden. Man müsse verdrängen, dass auf der Piste alles passieren kann und auf Autopilot schalten. Ist das auch das richtige Konzept, um beruflichen Herausforderungen zu begegnen?

Am Ende des Tages ist derjenige erfolgreich, der öfter wieder aufsteht als andere, seine Fehler rational reflektiert und daraus lernt. Dazu ist nicht jeder in der Lage, doch nur so entwickeln sich mentale Stärke und Resilienz.

In Ihrem Keynote-Vortrag werden Sie sich mit dem Thema „Wie Sieger denken“ beschäftigen. Denken „Siegertypen“ nur an den Sieg oder haben sie auch Selbstzweifel? Fallen „Siegertypen“ beispielsweise Selbstreflektion und Empathie schwerer als „Durchschnittstypen“?

„Siegertypen“ zeichnet große Leidenschaft und Leidensfähigkeit aus. Sie bringen gesunden Ehrgeiz und gleichzeitig Rationalität mit. Sie laufen nicht jedem Trend nach, sie reflektieren ihre Handlungen und beantworten für sich die Fragen „Was kann ich und was will ich?“.
DAS Erfolgsrezept gibt es nicht, feststeht jedoch: Für nachhaltigen Erfolg muss man sich täglich neu motivieren und engagieren. Der kommt nicht, wenn man auf der Couch liegt.


Zur Person:

Stephan Eberharter  ist ein ehemaliger österreichischer Skirennläufer. Er gewann 2002 die olympische Goldmedaille im Riesenslamom, drei Weltmeistertitel und entschied zwei Mal den Gesamtweltcup für sich.
Auf der Personal Austria hält die Skirenn-Legende am 09. November um 13 Uhr eine Keynote mit dem Titel: „Wie Sieger denken“

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on LinkedInShare on Google+Email this to someone